ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2006Arzneimittelpolitik: Gutachter fordern mehr Marktmacht für Kassen

POLITIK

Arzneimittelpolitik: Gutachter fordern mehr Marktmacht für Kassen

Rabbata, Samir

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LNSLNS Eine Studie im Auftrag des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums sieht das Ende der Festbeträge vor. Die Politik reagiert abwartend.
Diffus und auf nicht einmal drei Seiten handeln Union und SPD in ihren Eckpunkten zur Gesundheitsreform die Arzneimittelpolitik ab. Mehr als 450 Seiten an detaillierten Vorschlägen, wie die Arzneimittelversorgung neu gestaltet werden könnte, umfasst dagegen ein Expertengutachten, das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt (SPD) selbst in Auftrag gab und das nun der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.
Obwohl Schmidt die Ergebnisse der rund 200 000 Euro teuren Studie schon während der Reformverhandlungen vorlagen, spiegeln sich die Vorschläge der Wissenschaftler in den Eckpunkten kaum wider. Wohl auch deshalb, weil das Gutachten des Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES), des Wissenschaftlichen Dienstes der Ortskrankenkassen sowie der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Eberhard Wille und Prof. Dr. Dieter Cassel sozialpolitischen Sprengstoff birgt.
Dabei konstatieren die Experten zunächst, dass der Pharmastandort Deutschland besser ist als sein Ruf. Von den Gutachtern befragte Arzneimittelhersteller begründen dies mit der guten Verfügbarkeit qualifizierter Fachkräfte. Hinzu kommt, dass wegen der relativ unkomplizierten Zulassungspolitik neue und innovative Medikamente den Patienten in Deutschland schneller zur Verfügung stehen als in anderen Ländern. Die Kehrseite der Medaille: Bei der Wertschöpfung entwikkelt sich der deutsche Pharmamarkt im Vergleich zu den USA, Großbritannien und Frankreich deutlich schwächer. Abschreckend wirkt besonders für ausländische Unternehmen das Gestrüpp unterschiedlicher Auflagen in der Arzneimittelversorgung. Zwar gebe es in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern kaum rigide Regulationsinstrumente, doch seien die vorhandenen wenig schlüssig, kritisierte Wille.
Um den Pharmastandort zu stärken, ohne die Arzneimittelausgaben der Krankenkassen ins Uferlose steigen zu lassen, empfehlen die Gutachter dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium einen Kurswechsel in Richtung mehr Wettbewerb. So fordern die Experten die Abschaffung der bisherigen Festbeträge. Stattdessen soll ein unabhängiger Bewertungsausschuss Arzneimittelvergleichsgruppen bilden, anhand derer die Krankenkassen jeweils eigene Positivlisten aufstellen. Diese würden Medikamente umfassen, die Ärzte ihren Patienten auf Kassenrezept verschreiben könnten. Studienautor Cassel hofft, dass die Krankenkassen dadurch mit den Herstellern aus einer besseren Verhandlungsposition heraus höhere Rabatte vereinbaren könnten. Denn die Unternehmen müssten sich dann um die Aufnahme ihrer Medikamente in möglichst viele Positivlisten der Krankenkassen bemühen.
Kassenindividuelle Positivlisten könnten Ärzte vom Budgetdruck entlasten. Sie schränken aber auch ihre therapeutischen Freiheiten ein. Foto: Caro
Kassenindividuelle Positivlisten könnten Ärzte vom Budgetdruck entlasten. Sie schränken aber auch ihre therapeutischen Freiheiten ein. Foto: Caro
Der Staatssekretär im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, Dr. Klaus Theo Schröder, sieht mit den Eckpunkten zur Gesundheitsreform bereits den „Weg der Gutachter eingeschlagen“. Die Reform solle zu mehr Vertragswettbewerb und Rabattverhandlungen führen, so Schröder bei der Vorstellung der Studie. Eine Ministeriumssprecherin stellte jedoch klar, dass es kassenindividuelle Positivlisten „auf keinen Fall“ geben werde.
Dabei liege der Charme des Konzepts darin, dass der Gesetzgeber nicht zu einer „Schocktherapie“ in der Arzneimittelversorgung gezwungen sei, meinte Cassel. Als Einstieg sei vorstellbar, dass parallel zu den Festbetragsgruppen erste Arzneimittelvergleichslisten erstellt werden.
Für Vertragsärzte bedeutet das Konzept der kassenindividuellen Positivlisten eine Einschränkung ihrer Therapiefreiheit. Sie könnten nur noch aus einem begrenzten Angebot erstattungsfähiger Medikamente wählen. Dies wäre zudem aufwendig, weil sich die angebotenen Präparate je nach Krankenkasse ihrer Patienten unterschieden. Nach Einschätzung der Gutachter würde dies jedoch dadurch aufgewogen, dass Ärztinnen und Ärzte von vielen ökonomisch motivierten Zwängen entbunden würden. „Statt wie bisher auf Arzneimittelbudgets, Richtgrößen, Aut-idem-Regelungen oder Regresspflichten zu achten, kann sich der Arzt als Behandlungsagent seiner Patienten ausschließlich auf die medizinisch-therapeutischen Belange konzentrieren“, heißt es in dem Gutachten. Dadurch entstehe nicht mehr Bürokratie, sondern weniger, bilanzierte Cassel. Samir Rabbata
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