ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2006Reisemedizinische Fortbildung: Mehr als Malariaprophylaxe

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Reisemedizinische Fortbildung: Mehr als Malariaprophylaxe

Merten, Martina

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Foto: KEYSTONE
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Durch die wachsende Mobilität vieler Menschen sehen sich Ärzte verstärkt mit reisemedizinischen Fragen konfrontiert.

Drei Stunden hatte das Centrum für Reisemedizin (CRM) Dr. med. Anja Kempin eingeräumt, um all jenen, die eine Fernreise planen, bei medizinischen Fragen am Telefon Rede und Antwort zu stehen – eine Aktion, bei der das Fachinformations-Centrum für Gesundheitsfürsorge bei Auslandsreisen in erster Linie mit Fragen zum Thema Impfschutz rechnete. Doch den Anrufern, die sich an die Ärztin für Allgemeinmedizin am CRM wandten, lagen weit mehr als nur infektiologische Probleme am Herzen. So fragte eine ältere Dame nach, wie sie sich mit einem geschwollenen Bein auf einer längeren Busreise verhalten soll. Eine andere, chronisch kranke Frau beschäftigte die Frage, wie sie im Ausland ihre gewohnten Medikamente erhalte. Wieder ein anderer Anrufer wollte von Kempin wissen, mit welchen Arzneimitteln er sich vor Schiffskrankheit schützen könne. „Das Spektrum an Fragen, mit denen Ärzte zum Thema Reisemedizin konfrontiert werden können, ist breit gefächert“, fasst Kempin ihre Eindrücke von der CRM-Aktion zusammen.
Diesem breiten Spektrum wird inzwischen auch die reisemedizinische Fortbildung gerecht. Ende 2004 verabschiedete der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) einen Beschluss, wonach die Reisemedizin als unabhängige Fortbildungsdisziplin anzuerkennen ist; kurz darauf legte der Deutsche Senat für Ärztliche Fortbildung der BÄK ein 32 Stunden umfassendes Curriculum „Reisemedizinische Gesundheitsberatung“ vor. Es umfasst zum einen rechtliche, geomedizinische und epidemiologische Grundlagen sowie die wichtigsten Erkrankungen mit reisemedizinischer Bedeutung. Zum anderen geht es hierbei um Themen wie Impfungen und Prophylaxe, Risiken bei speziellen Reiseaktivitäten wie Schifffahren, Bergsteigen oder Tauchen, aber auch um medizinische Beratung vor Reisen bei speziellen gesundheitlichen Risiken.
Dr. med. Ursula Mikulicz befasst sich seit mehreren Jahrzehnten intensiv mit Reisemedizin. Die Kinderärztin, Tropen- und Betriebsmedizinerin arbeitete zwölf Jahre für den Universitäts-Gesundheitsdienst in Abidjan an der Elfenbeinküste und leitete 19 Jahre lang die Tropenmedizinische Untersuchungsstelle der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit. „Reisemedizin“, weiß Mikulicz daher aus langjähriger Erfahrung, „ist weit mehr als nur Tropenmedizin.“ Der anhaltende Trend zu risikobehafteten Reiseaktivitäten wie Tauchen oder Klettern erfordere beispielsweise von beratenden Ärzten auch höhenmedizinisches und tauchmedizinisches Wissen, berichtet die Tropenmedizinerin. Zudem – und das unterstreicht die Telefonaktion des CRM – gehöre zur Reisemedizin auch die Beschäftigung mit chronisch kranken Patienten, die eine Fernreise planen. „So ist es für den Hausarzt wichtig zu wissen, worauf ein insulinpflichtiger Diabetiker insbesondere nach Langzeitflügen mit größerer Zeitzonenverschiebung zu achten hat oder welche Komplikationen bei einem Tumorpatienten auftreten können“, so Mikulicz, die zugleich stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Fachverbands Reisemedizin (DFR) in Düsseldorf ist.
Anders als die BÄK hält der Fachverband zusätzlich zu
der 32-stündigen Fortbildung zwölf weitere Aufbau-Module im Umfang von 88 Stunden
für erforderlich. Erst durch die Kenntnis von speziellen Facetten der Reisemedizin – wie der Trekkingmedizin, Reisen mit chronischen Erkrankungen oder der medizinischen Assistance auf Reisen – seien Ärzte reisemedizinisch umfassend fortgebildet, argumentiert der DFR. Die 120-stündige Fortbildung, entgegnet Dr. med. Justina Engelbrecht, mache den Arzt zum reisemedizinischen Experten. „Um einen Patienten, der eine Auslandsreise plant, zu beraten, reicht das 32-stündige Curriculum aus“, sagt die Leiterin des Fortbildungsdezernats der BÄK.
Unter den Aspekt „medizinische Assistance auf Reisen“ fallen auch versicherungsrechtliche Fragen. Denn für Ärzte kann es hilfreich sein, über Reisekrankenversicherungen, Reiserücktrittsversicherungen oder die Fürsorgepflicht von Reiseveranstaltern Bescheid zu wissen. Das zeigte eine Telefonaktion der Betriebskrankenkasse Verkehrsbau Union (BKK VBU) zum Versicherungsschutz auf Reisen. Denn viele Versicherte wissen nicht, an wen sie sich im Krankheitsfall im Ausland wenden können und ob ihre Krankenkasse einen Arztbesuch zahlt. „Einige besitzen auch keine Europäische Kran­ken­ver­siche­rungskarte oder planen Reisen in Länder, mit denen kein Sozialversicherungsabkommen besteht“, berichtet Uwe Lehmann, Sozialversicherungsfachangestellter bei der BKK VBU, von der Aktion. Während diesen Fragen im Rahmen des „Fachzertifikats Reisemedizin“ ein ganzes Modul im Umfang von mehreren Stunden gewidmet ist, befassen sich Teilnehmer des Basis-Curriculums nur sehr kurz mit versicherungsrechtlichen Fragen.
Egal, wie umfangreich sich ein Arzt reisemedizinisch fortbilden möchte, Anlaufstellen gibt es einige. So bieten neben dem CRM in Düsseldorf das Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, das Berliner Tropeninstitut an der Charité und das Institut für Infektions- und Tropenmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München Fortbildungen an (siehe Kasten). Die Aufbaukurse, die mit dem „Fachzertifikat Reisemedizin (DFR)“ abschließen, führt derzeit jedoch ausschließlich das Centrum für Reisemedizin durch. Bislang, so Mikulicz, verfügen rund 200 Ärzte über das DFR-Zertifikat. Martina Merten


Informationen zur Reisemedizin

- Fortbildung: strukturierte curriculäre Fortbildung der Bundes­ärzte­kammer „Reisemedizinische Gesundheitsberatung“, 32 Stunden; Aufbaukurs des Deutschen Fachverbands Reisemedizin e.V. (DFR) für das „Fachzertifikat Reisemedizin“, 88 Stunden
- Ausgewählte Anbieter von Fortbildungsgängen: Centrum für Reisemedizin (CRM), Düsseldorf, www.crm.de; Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, Hamburg, www.bni.uni-hamburg.de; Institut für Tropenmedizin, Berlin, www.charite.de/tropenmedizin/; Institut für Infektions- und Tropenmedizin der LMU München, www.tropinst.med.uni-muenchen.de/
- Gesellschaften/Fachverbände: Deutscher Fachverband Reisemedizin (DFR) e.V., www.fachverband-reisemedizin.de; Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit e.V. (DTG), www.dtg.org
- Kongresse zum Thema Reisemedizin: 9. Jahrestagung des Fachverbandes Reisemedizin am 8./9. September in Münster, Thema „Praxis der reisemedizinischen Beratung“; 8. Kongress Medizin und Mobilität vom 14. bis 16. September in Berlin der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrtmedizin (DLRM), Thema „Risiken der Mobilität“, Informationen unter www.medicine-and-mobility-com
- Adressen von reisemedizinisch fortgebildeten Ärzten und Apotheken: vom CRM geprüfte und geführte Adressenliste unter www.travelmed.de/beratungssstellen; Adressen fortgebildeter Ärzte über den DFR
- Reisen und Medikamente: Informationen über das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) unter www.bfarm.de (über die Mitnahme von Medikamenten, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, informiert die Bundesopiumstelle beim BfArM)
- Handbücher: CRM-Handbuch „Reisemedizin“, zweimal jährlich; CRM-Handbuch „Reisen mit Vorerkrankungen“ MM
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