ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2006Köln im Zweiten Weltkrieg. Alltag und Erfahrungen zwischen 1939 und 1945. Darstellungen – Bilder – Quellen

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Köln im Zweiten Weltkrieg. Alltag und Erfahrungen zwischen 1939 und 1945. Darstellungen – Bilder – Quellen

Dtsch Arztebl 2006; 103(34-35): A-2236

Rüther, Martin

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Bürger im Bombenkrieg: Nur der Kölner Dom blieb stehen
Martin Rüther: Köln im Zweiten Weltkrieg. Alltag und Erfahrungen zwischen 1939 und 1945. Darstellungen – Bilder – Quellen. Schriften des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln, Band 12. Emons Verlag, Köln, 2005, 960 Seiten, mit circa 300 zum größten Teil unveröffentlichten Abbildungen, gebunden, 29,80 €
Der 1 000-Bomber-Angriff in der Nacht zum 31. Mai 1942 verwandelte „das uns so vertraute Antlitz der Stadt von Grund auf“, vermerkte ein Kölner Chronist. Seit 1940 war Köln Ziel regelmäßiger Luftangriffe. Es lag günstig zu den Flugplätzen des britischen Bomberkommandos. Die Angriffe steigerten sich und wurden präziser, die Bomben durchschlagskräftiger. Höhepunkt des Luftkrieges gegen Köln waren zehn Tage im Oktober 1944: Man kam nicht mehr nach, in dem verwüsteten und brennenden Steinchaos die Toten und Verletzten zu zählen, auf Müllwagen wurden die Leichen abtransportiert. Der letzte Großangriff am 2. März 1944 richtete sich auf das Zentrum um Dom und Hauptbahnhof. Die Absicht könnte es gewesen sein, so eine Überlegung in dem Buch, mit Minenbomben in dichtester Konzentration den Dom „umzublasen“, um mit einem ungeheuren Trümmerberg die Rampen zur nahe gelegenen Hohenzollernbrücke zu blockieren. Doch das gotische Bauwerk hielt dem Druck und Sog der modernen Luftminen stand.
Die amerikanischen Invasions-Truppen marschierten in eine Trümmerwüste ein. Die Stadt war von ihren Bürgern weitgehend verlassen, die öffentliche Ordnung zusammengebrochen.
Der Historiker Martin Rüther, der am NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln tätig ist, hat eine in dieser Form einmalige Schilderung und Dokumentation des Bombenkrieges am Beispiel Kölns vorgelegt. Das buchstäblich gewichtige Werk ist unterteilt in die Schilderung der Ereignisse aus Sicht des Historikers und die Dokumentation zeitgenössischer Aufzeichnungen: Briefwechsel und private Tagebücher, darunter die „Gedanken zur Zeit“ des Arztes Wolfgang Michel, der die Hoffnungen und Enttäuschungen des politisch aufmerksamen Bürgers zwischen März und Mai 1945 treffend wiedergibt.
Rüther vermittelt also Geschichte aus der Sicht des normalen Bürgers, in der sich die großen Ereignisse widerspiegeln. Das Bild des so entstehenden Alltags wirkt authentisch. Berichtet wird von Versorgungslage und Schwarzmarkt, Evakuierungen und Jugendkriminalität, Deportationen, Zwangsarbeit und Judenhäusern, von Kinderlandverschickung, von der immer prekärer werdenden Krankenversorgung und immer wieder von der wachsenden Resignation der Bürger, die im Gegensatz zur Siegespropaganda der Machthaber stand.
Der Autor hat sich für eine interessante Darstellungsart entschieden: Berichtet wird nach Jahren – vom Kriegsbeginn bis 1945. Einzelthemen wie Versorgungslage oder Kriminalität wiederholen sich somit Jahr für Jahr. Es entsteht ein feines Mosaik der „Gesamtstimmung“ im Kriegsverlauf. Nachteilig ist, dass Sachthemen, wie etwa die Gesundheitsversorgung, nicht in sich geschlossen dargestellt werden, sondern über das Register erschlossen werden müssen.
Hervorzuheben sind die über das Buch verstreuten kleinen Artikel von Gebhard Aders, ehemals Archivar in Köln und zuvor Offizier der (Bundes-)Luftwaffe, über den Luftkrieg. Der Leser gewinnt ein klares, fachlich fundiertes Bild von Strategie (der US Air Force, vor allem aber des britischen Bomberkommandos unter Harris) und technischen Voraussetzungen (des Fluggerätes wie der Waffen).
Das Werk ist treffend und reich bebildert, nicht nur mit Profiaufnahmen, sondern auch mit privaten Fotos, die nahe zum alltäglichen Leben sind. Norbert Jachertz
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