ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2006Medizingeschichte(n): Hirnforschung – Elektroenzephalogramm

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Medizingeschichte(n): Hirnforschung – Elektroenzephalogramm

Dtsch Arztebl 2006; 103(34-35): A-2254 / B-1955 / C-1889

Schott, H.

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LNSLNS ausgewählt und kommentiert von H. Schott

Zitat: „Oft nahm Hans Berger [...] ein vor ihm liegendes Gehirnmodell zur Hand, um nochmals zu überprüfen, ob er vor dem kritischen Auge des Operateurs wohl würde bestehen können. Der Chirurg in Jena war damals N. Guleke (2) – selbst ein Vorkämpfer der modernen Hirnchirurgie –, der in der Regel auch alle Gehirnoperationen an seiner Klinik selbst ausführte. Oft genug gab es dann bei der Operation, der Berger wenn irgend möglich beiwohnte, böse Überraschungen, die erst die Obduktion aufklärte. [...]
In meinen Lehrjahren in Jena begann Berger unermüdlich seinen Plan zu verwirklichen, auch vom Gehirn – analog dem Elektrokardiogramm – Aktionsströme abzuleiten. Seine ersten Versuche machte Berger an Kranken, bei denen eine sogenannte Palliativ-Trepanation vorgenommen worden war. Die feinen Elektroden wurden in die Weichteile eingeführt, die sich über der Knochenlücke befanden.
Erst nach jahrelangen Versuchen ging Berger dazu über, seine Technik zu verbessern und die Hirnströme auch vom uneröffneten Schädel völlig unblutig abzuleiten. Die ersten Untersuchungen, die in diese Richtung zielten, führte Berger an einem gesunden Studenten und an seinem Sohne Klaus durch. Die erste Publikation, die Berger im Jahre 1929 (fünf Jahre vorher hatte er bereits die ersten Treffer gemacht) vorlegte, enthielt gegen Ende der Arbeit den schlichten [...] Satz: ‚Ich glaube also in der Tat, das Elektro-Encephalogramm des Menschen gefunden und hier zum ersten Male veröffentlicht zu haben.’ [...]
Das Bild des berühmten Berger wäre unvollständig ohne Hinweis auf seine Wirkung als Psychiater. Die eigentliche Psychiatrie lag ihm nicht. Die seelisch gestörten oder nur aus dem Gleichgewicht gebrachten Menschen waren nicht Lieblingskinder von Berger, sie konnten es nicht sein. War es am Ende ein Schutzdamm, den er vor sich selbst errichtet hatte? Wir wissen es nicht (2).“

Kurt Kolle: Hans Berger (1873–1941). In: Grosse Nervenärzte. 21 Lebensbilder. Herausgegeben von Kurt Kolle. Band 1. Stuttgart 1956, Seite 1–6. – Berger habilitierte sich 1901 für das Fach Psychiatrie in Jena, wurde 1905 Professor und war von 1919 bis 1938 Direktor der dortigen psychiatrischen Universitätsklinik. Der Psychiater Kolle (1898–1975) war von 1925 bis 1926 Assistent bei Hans Berger in Jena, von 1952 bis 1966 Direktor der Münchner Universitätsnervenklinik. Berger leitete als Erster Hirnstromkurven am unverletzten Schädel ab und begründete damit das EEG. (1) Nicolai Guleke (1878–1958), ab 1919 Ordinarius in Jena. (2) Anspielung auf den Suizid Bergers. Inwieweit dieser auf eine Depression nach Bergers Emeritierung im Jahr 1938 zurückgeführt werden kann, sei dahingestellt. Kolle spricht von einem „Anfall von Schwermut“. Ein direkter Zusammenhang mit politischen Umständen ist nicht erkennbar.

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