ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2006Medizingeschichte(n): Medizin und Literatur – Jean-Martin Charcot

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Medizingeschichte(n): Medizin und Literatur – Jean-Martin Charcot

Schott, H.

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Zitat: „Die ersten Experimente mit Frauen nennt Charcot Experimente mit Hypnotismus. Das Wort war ungefährlich. Deshalb benutzt er es. Er wählt zwei junge Frauen als Objekte aus, Augustine (der Nachname fehlt, und sie verschwindet nach diesem Experiment aus der Geschichte) und Blanche Wittmann.
Assistenten sind Gilles de la Tourette, Joseph Babinski und Désiré-Magloire Bourneville, zwei von ihnen [sind] spätere Monumente der Geschichte der Medizin. [1] Er bezeichnet die Ausgangslage der Objekte, also der Patientinnen, als labil. Augustine hatte sich seit dem Vortag in einem trance-ähnlichen Zustand befunden, und Blanche war aggressiv, hatte gewiehert, kurze Lacher ausgestoßen und Charcot mit beinah feindlichen Augen betrachtet. Das Experiment wurde jedoch mit Blanche eingeleitet, die ein Pendel betrachten mußte und bereits nach fünf bis acht Minuten schläfrig zu werden schien, die Augen schloß und einschlief. Sie blieb sitzen.
Augustine war auf ein Bett gelegt worden: Als Charcot für einige Sekunden ihre Augenlider hochhob, reagierte sie sofort und streckte die Beine aus; eine Bewegung, die ihr Nachthemd zur Seite gleiten ließe und ihren nackten Unterleib und das bloße Geschlecht enthüllte. Charcot gab daraufhin Bourneville die Anweisung, ihren Körper zu bedecken.
Blanche schlief jetzt. Charcot blies leicht über ihr Gesicht und sagte ihr, wenn sie aufwachte, würde sie sich wohl fühlen. Sie verblieb jedoch in einem kataleptischen Zustand [2]. Charcot preßte daraufhin seine Hand auf Punkte an ihren Eierstöcken: dies ist also, bevor C. [Charcot] die Ovarienpresse erfand, die aus Metall und Leder, die benutzt wurde, um Hysterie zum Stillstand zu bringen. [3] Sie erwachte und sah Charcot mit einem eigentümlichen Lächeln an.
‚Wie fühlst du dich jetzt’, hatte Charcot gefragt.
Sie antwortete: ‚Ich hätte nichts dagegen, jetzt ein Stück Brioche zu essen.’“

Per Olov Enquist: Das Buch von Blanche und Marie. Roman. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. München; Wien: Hanser 2004, Seite 100 f. – In diesem neuesten Roman des schwedischen Literaturwissenschaftlers und Schriftstellers Enquist (geboren 1934) wird die erschütternde Begegnung zwischen zwei außergewöhnlichen Frauen geschildert: Blanche Wittmann (war die wichtigste „Hysterikerin“ für die öffentlichen Hypnoseexperimente des Pariser Neurologen Jean-Martin Charcot (1825–1893) und assistierte später Madame Curie bei deren Experimenten mit Radium); Marie Curie (1864–1934), gebürtige Polin, studierte Chemie und Physik in Paris, erhielt 1903 den Nobelpreis für Physik (zusammen mit ihrem Mann und Pierre und Henri Becquerel) für die Entdeckung der Radioaktivität und 1911 den für Chemie. Die geheimnisvolle Welt der Radioaktivität wird im Roman mit der des unbewussten Seelenlebens (Strahlungen der Liebe) in Beziehung gesetzt. – [1] Georges Gilles de la Tourette (1857–1904), bekannt durch das nach ihm benannte Syndrom; Babinski (1857–1932), bekannt durch den nach ihm benannten Reflex; Bourneville (1840–1909) begann bereits 1872 mit der Herausgabe der Schriften Charcots. [2] Typische Muskelstarre [3] Entsprechend der Vorstellung von speziellen „hysterogenen Zonen“.

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