ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2006Medikamentenversorgung: Alles aus einer Packung

VARIA: Wirtschaft

Medikamentenversorgung: Alles aus einer Packung

Dtsch Arztebl 2006; 103(34-35): A-2259 / B-1957 / C-1891

Flintrop, Jens

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Foto: assist Pharma
Foto: assist Pharma
Die Sortierung von Medikamenten in Blisterkarten soll die Compliance der Patienten verbessern.

Vor allem ältere Patienten haben immer wieder Probleme mit der korrekten Einnahme ihrer Medikation. Dabei gefährdet die mangelnde Compliance nicht nur den Therapieerfolg im Einzelfall, sondern verursacht für das Gesundheitswesen insgesamt hohe Kosten. So werden als Folge unzureichender Therapietreue jedes Jahr tonnenweise Arzneimittel weggeworfen. Hinzu kommen die Folgekosten für Kranken­haus­auf­enthalte, Arztbesuche, vorzeitige Heimeinweisungen oder auch Frühverrentungen.
Hier setzt die Geschäftsidee der Arzneimittelfirma assist Pharma GmbH an: Die Tochter des Arzneimittelimporteurs kohlpharma GmbH füllt Fertigarzneimittel in Durchdruckverpackung ab. Die Herstellung dieser „Blister“ erfolgt im Auftrag kooperierender Apotheken und in Zusammenarbeit mit Ärzten – bislang allerdings nur im Modellversuch. Hierbei werden jedem zu versorgenden Patienten auf Basis der ärztlichen Verordnung die festen oralen Arzneimittel für sieben Tage zur Verfügung gestellt: sortiert nach den Einnahmezeitpunkten morgens, mittags, abends und nachts. Der Patient drückt dann zum jeweiligen Einnahmezeitpunkt seine Medikation aus dem Blister und nimmt sie ein, ohne dass er Tabletten zählen müsste oder Kapseln verwechseln könnte. Die Sortierung der Medikamente auf die vier Einnahmezeiten des Tages übernimmt eine computergesteuerte Anlage.
Bundesweite Einführung 2007
Die bundesweite Markteinführung dieser industriellen „Verblisterung“ ist für Anfang 2007 geplant. Täglich will assist Pharma dann bis zu 100 000 Wochenblister produzieren und an die Apotheken abgeben. Bis Ende 2007 könnten rund 600 000 Patienten auf diese Weise versorgt werden, hofft die Firma. „Die patientenindividuelle Verpackung ist ein neuer Weg zum effizienten und wirtschaftlichen Einsatz von Medikamenten“, meint Jörg Geller von der Assist-Pharma-Geschäftsleitung.
Wird die industrielle Verblisterung ein Erfolg, müssten die Apotheker mit Umsatzeinbußen rechnen. Deren Reaktion fällt entsprechend aus: „Das Versprechen, dass mit dieser so genannten Verblisterung die Gesundheitsausgaben gesenkt werden könnten, ist glatte Augenwischerei“, sagt Hermann S. Keller, Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbandes DAV. Bereits heute stellten die 21 400 Apotheker bei Bedarf eine individuelle Versorgung mit Medikamenten sicher. Dabei stehe den Apothekern das komplette Spektrum der Fertigarzneimittel zur Verfügung und nicht nur die orale Darreichungsform. Hintergrund: In Deutschland sind etwa 50 000 Fertigarzneimittel auf dem Markt. Damit sich die industrielle Verblisterung rechnet, will assist Pharma die Auswahl auf höchstens 400 Präparate beschränken. „So könnte es sein, dass Ärzte nicht mehr zwischen verschiedenen Blutdrucksenkern wählen können, sondern dass sie nur noch drei oder vier Präparate in der Blister-Liste zur Auswahl finden“, erläutert Keller.
Die Beschränkung des Angebots auf 400 Präparate deckt sich ebenfalls nicht mit den Interessen der forschenden Pharmaindustrie: „Das ist ein Albtraum für jeden Arzneimittelhersteller, der mit Innovationen auf den Markt will“, krisitiert der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA). Die finanzstarke Interessenvertretung beauftragte den Vorsitzenden des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, Prof. Dr. Eberhard Wille, ein Gutachten über den Sinn des industriellen Neuverblisterns zu erstellen. Der Experte kommt zu dem VFA-kompatiblen Ergebnis, dass das Neuverblistern von Arzneimitteln „viel kostet und wenig bringt“. So koste die industrielle Fertigung eines Blisters circa 1,50 Euro, die Abgabe an den Patienten durch die Apotheke weitere 1,50 Euro. Wille: „Mindestens so viel müssten die Krankenkassen also je Blister an anderer Stelle wieder einsparen, damit sich das Konzept tatsächlich rechnet.“
Der Volkswirt kritisiert auch die Beschränkung des Angebots auf 400 Präparate: „Dies bedeutet im Umkehrschluss für den Arzt, dass er künftig aus einer engen Positivliste verordnen müsste.“ Auch sei die Neuverblisterung für viele Arzneimittel prinzipiell nicht anwendbar. So ließen sich etwa injektionspflichtige Arzneimittel nicht in die Blister einbeziehen. Die behaupteten Vorteile könnten diese Nachteile nicht aufwiegen, folgert Wille. Denn: „Mangelhafte Therapietreue ist nur in einem kleineren Teil der Fälle durch Verblisterung überwindbar.“ Oft seien andere Gründe, etwa Angst vor Nebenwirkungen, ausschlaggebend, wenn Patienten ihre Medikamente nicht einnähmen.
Expertenstreit
Nur bei etwa zehn bis 16 Prozent der ambulant versorgten Patienten eines Indikationsgebietes könne die Verblisterung die Therapietreue beeinflussen, meint Wille. Eine Umstellung hin zu Blisterpackungen verspreche dann eine bessere Compliance, wenn
- die Gesamtmedikation überwiegend aus festen, oralen Arzneimitteln der Dauermedikation besteht und einen großen Umfang aufweist,
- die Gesamtmedikation lange Zeit konstant bleibt,
- die Dauermedikation kaum durch Akutmedikamente ergänzt wird,
- bei der Verabreichung der Arzneimittel vier Einnahmezeitpunkte je Tag ausreichen und die Präparate zusammen eingenommen werden,
- die Patienten ihre Medikamente eigenverantwortlich einnehmen und bisher keine Einnahmehilfen wie Schubladensysteme verwenden,
- die Patienten non-compliant sind und
- die Therapieuntreue nicht absichtlich erfolgt.
Prof. Dr. Karl W. Lauterbach ist hingegen überzeugt, dass die industrielle Verblisterung zu Einsparungen in Millionenhöhe für das Gesundheitswesen führen könnte. Der Kölner Gesundheitsökonom verweist auf die positive Entwicklung in Skandinavien. Dort gebe es seit Anfang der 90er-Jahre Verblisterungssysteme. Die Zahl der Nutzer sei kontinuierlich gewachsen, die Höhe der Einsparungen auch. Lauterbach begleitet den Pilotversuch von assist Pharma wissenschaftlich. Jens Flintrop
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