ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2006Arbeitskampf der Klinikärzte: Über den Tag hinaus

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Arbeitskampf der Klinikärzte: Über den Tag hinaus

Flintrop, Jens

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LNSLNS Die vom Marburger Bund (MB) ausgehandelten Tarifabschlüsse für die Klinikärzte haben keine Beifallsstürme ausgelöst. Nach mehreren Monaten engagierten Arbeitskampfes, verbunden mit Gehaltseinbußen, hatten sich viele Ärzte mehr erhofft. Die geforderten 30 Prozent mehr Gehalt für alle Ärzte wurden jedenfalls nicht erreicht.
Wie hoch die Einkommenszuwächse tatsächlich ausfallen, ist sehr unterschiedlich. Die Arbeitgeber beziffern die Lohnsteigerungen für die Ärzte an städtischen und Kreiskrankenhäusern auf bis zu 13 Prozent – wobei sie sich allerdings auf den vom MB im Sommer 2005 abgelehnten Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst beziehen und nicht auf den eigentlich relevanten Bundesangestelltentarifvertrag. Manche Ärzte gehen aber auch leer aus. Sie können froh sein, dass niemand weniger verdient als bisher. Das ist sichergestellt. Tendenziell zählen junge ledige Ärzte zu den Gewinnern der Tarifrunde. Da für Ärzte mit Kindern keine Zuschläge mehr vorgesehen sind, gehört diese Gruppe zu den Verlierern.
Doch auch wenn nicht alle Hoffnungen der streikenden Ärzte erfüllt wurden: Es ist ein Meilenstein für den MB und eine gute Nachricht für alle Klinikärzte, dass überhaupt ein separater Tarifvertrag erkämpft werden konnte. Denn mit dem Status als eigenständige Gewerkschaft haben es die Ärzte in Zukunft selbst in der Hand, Gehaltssteigerungen und besser auf die Besonderheiten des Arztberufes zugeschnittene Arbeitsbedingungen zu erstreiten. Dass die Ärzte entgegen früheren Erfahrungen sehr wohl bereit sind, für ihre Interessen auf die Straße zu gehen, haben sie in den letzten Monaten jedenfalls eindrucksvoll bewiesen.
Noch etwas hat dieser historische Arbeitskampf bewirkt: Die Streiks haben die Ärzte über alle Hierarchiestufen hinweg näher zusammenrücken lassen. Bei der Planung von und auf den Reisen zu Protestveranstaltungen lernten sich Ärzte verschiedener Stationen, Kliniken und Krankenhäuser kennen und schätzen. Anders als früher werden sich zumindest diese Ärzte nicht mehr so leicht gegeneinander ausspielen lassen. Darüber hinaus wurden vielerorts Verteilerlisten mit den E-Mail-Adressen aller Ärzte eines Hauses aufgebaut. Netzwerke bildeten sich auch über die Standorte hinweg. Damit lassen sich Informationen schneller und zielgerichteter verbreiten als bisher. Es wird einfacher, ärztlichen Widerstand zu organisieren.
An den Folgen des Ärztestreiks werden die Klinikarbeitgeber (hoffentlich) noch lange zu knabbern haben – immer vorausgesetzt, die neue innerärztliche Solidarität hält sich über den Tag hinaus. Jens Flintrop
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