ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2006Medizinische Versorgungszentren: Auf Expansionskurs

POLITIK

Medizinische Versorgungszentren: Auf Expansionskurs

Dtsch Arztebl 2006; 103(36): A-2278 / B-1978 / C-1910

Armbruster, Susanne; Lubs, Susanne; Röhrig, Nicole; Wagner, Kathrin

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LNSLNS Noch sind sie klein. Aber eine KBV-Umfrage zeigt: Die meisten MVZ haben Potenzial, sich in viele Richtungen zu vernetzen.

Mit dem Gesetz zur Modernisierung der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung sind Medizinische Versorgungszentren (MVZ) zum 1. Januar 2004 als neue Form der Leistungserbringung in die vertragsärztliche Versorgung eingeführt worden. Deren Vorteil sieht der Gesetzgeber insbesondere in der Möglichkeit der engeren Kooperation unterschiedlicher ärztlicher Fachgebiete untereinander sowie mit nichtärztlichen Leistungserbringern. Eine Versorgung von Patienten „aus einer Hand“ soll entstehen. Darüber hinaus wird erwartet, dass jungen Ärzten durch eine Angestelltentätigkeit im MVZ der Einstieg in die vertragsärztliche Versorgung erleichtert wird, weil das wirtschaftliche Risiko einer Praxisgründung entfällt.
Ende des Jahres 2005 befragte die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) die Ärztlichen Leiter aller bis zum Ende des 3. Quartals zugelassenen 253 Medizinischen Versorgungszentren mithilfe eines standardisierten Fragebogens. Dieser „MVZ-Survey 2005“ sollte Aufschluss sowohl über die Ausgestaltung der neuen Kooperationsform geben als auch Einblicke in Motivationslage, Erfahrungen und Visionen der Gründer. Insgesamt beteiligten sich 104 Ärztliche Leiter (Rücklaufquote: 41 Prozent).
Die untersuchten MVZ wiesen zum Befragungszeitpunkt eine Arbeitsgröße von durchschnittlich drei Ärzten auf. 80 Prozent waren innerhalb der letzten zwölf Monate zugelassen worden, überwiegend in städtischen Gebieten (60 Prozent). Für ihre betriebswirtschaftliche Organisation ist zumeist noch keine eigene Verwaltungsstruktur aufgebaut. Vielmehr werden die anfallenden betrieblichen Verwaltungsaufgaben hauptsächlich dem Ärztlichen Leiter zusätzlich übertragen (62 Prozent).
Die Gründung eines Medizinischen Versorgungszentrums gleicht der eines Unternehmens: Komplexe Entscheidungen, zum Beispiel über Rechtsform, Kooperationsvereinbarungen, strategische Positionierung und Finanzplanung stehen an. Deshalb benötigen die beteiligten Ärztinnen und Ärzte Beratung. Mehr als die Hälfte der MVZ wandte sich dazu an die Kassenärztlichen
Vereinigungen (KVen). Aufgeschlüsselt waren es vor der Gründung 57 Prozent, danach 42 Prozent. In vertragsärztlichen Fragestellungen, also den Themenbereichen Abrechnung, Niederlassung und Vertragsarztrecht, waren die KV-Mitarbeiter Berater der ersten Wahl. Darüber hinaus zog die überwiegende Zahl der MVZ zeitgleich einen Rechtsanwalt zurate (78 Prozent vor der Gründung, 60 Prozent danach). Die Mehrheit konsultierte zudem einen Steuerberater (61,5 Prozent vor und nach der Gründung).
Neben der Wahl geeigneter Berater ist die Unternehmensvision Grundlage einer ausgereiften Zielarchitektur. Einen wichtigen Teilaspekt der Erhebung bildete daher die Gründungsmotivation. Offensichtlich war der Ausbau der eigenen Position am Gesundheitsmarkt das vorrangige Motiv für die MVZ-Gründung (Grafik 1).
Mit dem Survey wurde weiterhin untersucht, womit sich die MVZ am Markt positionieren und über welches Entwicklungspotenzial sie verfügen. Es hat sich gezeigt, dass 61 Prozent der MVZ einen medizinischen Versorgungsschwerpunkt herausgebildet haben. Die sieben am häufigsten gewählten speziellen Leistungsspektren sind: Augenheilkunde und Angiologie (je elf Prozent), ambulantes Operieren, Labormedizin und Palliativmedizin (je zehn Prozent), Onkologie/Hämatologie (acht Prozent), Gynäkologie (sechs Prozent). Nahezu die Hälfte der Zentren arbeitet mit selbst entwickelten Behandlungspfaden. Um den Informationsfluss zwischen den behandelnden Ärzten im MVZ zu optimieren und einen reibungslosen Behandlungsablauf für Patienten zu gewährleisten, arbeiten bereits 71 Prozent der Befragten mit einer gemeinsamen Patientenakte. Einen Überblick über weitere Angebote enthält Grafik 2.
Generell setzen 90 Prozent der MVZ auf die persönliche Beratung durch das eigene Personal, um ihre Patienten über das Leistungsangebot zu informieren. Darüber hinaus nutzen sie bereits eine Vielzahl verschiedener Medien: Neben Vorträgen (53 Prozent) zu bestimmten medizinischen und gesundheitsrelevanten Themen bieten viele Befragte (34 Prozent) einen „Tag der offenen Tür“ an. 64 Prozent haben zudem eine eigene Homepage im Internet eingerichtet.
MVZ sind stark an weiterer Kooperation interessiert. 26 Prozent sind Vertragspartner der Integrierten Versorgung, 39 Prozent wollen sich in naher Zukunft beteiligen. 40 Prozent der Befragten nehmen an DMP teil, 30 Prozent an der hausarztzentrierten Versorgung. Neben dem Abschluss von Versorgungsverträgen kooperieren MVZ am häufigsten mit niedergelassenen Ärzten (85 Prozent) und Krankenhäusern (65 Prozent), aber auch mit Physiotherapeuten, Sanitätshäusern, Apotheken und Pflegeeinrichtungen. 58 Prozent der Befragten bauen dazu Netzwerke mit drei oder mehr Partnern auf.
Wie sich MVZ in Zukunft entwickeln werden: Auf diese offene Frage haben die Ärztlichen Leiter der MVZ individuelle Antworten gegeben. Für den Survey sind sie zusammengefasst worden (Grafik 3). Insgesamt lässt sich daraus schließen, dass die Befragten die Zukunft der MVZ positiv bewerten. Der Ergebnisbericht sowie weiterführende Hinweise sind im Internet zu finden unter www.kbv.de/themen/8737.html.

Anschrift der Verfasser:
Dr. Susanne Armbruster, Susanne Lubs
Nicole Röhrig, Kathrin Wagner
Kassenärztliche Bundesvereinigung
Herbert-Lewin-Platz 2, 10623 Berlin
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