ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2006Arzneimittelbrief: 40 Jahre unabhängige Information

POLITIK

Arzneimittelbrief: 40 Jahre unabhängige Information

Korzilius, Heike

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LNSLNS Seit 1967 erscheint „Der Arzneimittelbrief“. Den Herausgebern geht es darum, ihre kritischen Empfehlungen unbeeinflusst von Pharmainteressen an die Ärztin und den Arzt zu bringen.

Glaubt man dem jährlich erscheinenden Arzneiverordnungsreport, sind die steigenden Arzneimittelausgaben in den vergangenen Jahren vor allem auf die Verordnung neuer, hochpreisiger Arzneimittel zurückzuführen, von denen allerdings die meisten keine therapeutischen Verbesserungen gegenüber bewährten und sehr viel billigeren Präparaten mit sich bringen. Anders formuliert: Den Ärzten fehlt es an unabhängigen Informationen über eine rationale Pharmakotherapie. „Die Industrie hat die gesamte Arzneimitteltherapie infiltriert, von klinischen Studien bis hin zur ärztlichen Verordnung“, kritisierte Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig. Der Onkologe ist Mitglied der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) und Mitherausgeber des Arzneimittelbriefs. Die Zeitschrift, die erstmals im Januar 1967 erschien, sollte vor allem diesen Missstand beheben. Firmenunabhängig und sachkundig wollten die Herausgeber – klinisch tätige Ärzte – ihre Kollegen in Sachen Pharmakotherapie beraten. Eine Beilage des Gründungsvaters Prof. Dr. med. Herbert Herxheimer befasste sich mit der „Praxis der Medizin unter dem Einfluss berufsfremder finanzieller Interessen“.
An diesen besonderen Arbeitsbedingungen hat sich bis heute wenig geändert. Nach wie vor ist eine Vielzahl von Pharmareferenten in Arztpraxen und Kliniken unterwegs, sponsern Pharmafirmen Fortbildungsveranstaltungen und Kongresse und finanzieren – angesichts knapper öffentlicher Kassen – immer mehr Forschungsprojekte. Verstärkt geraten auch Patienten ins Visier des Pharmamarketings. Firmen unterstützen Selbsthilfegruppen und werben in Ländern wie den USA direkt, in Deutschland bislang indirekt in den Publikumsmedien für ihre Produkte. Die Patienten wiederum wenden sich mit ihren mehr oder weniger begründeten Verordnungswünschen an ihre Ärzte.
„Das Problem der Ärzte in den Praxen und Krankenhäusern ist, dass sie angesichts eines Überangebots an Informationen schnelle Entscheidungen treffen müssen“, sagte Peter Mansfield bei der Jubiläumsveranstaltung zum 40. Gründungstag des Arzneimittelbriefs am 2. September in Berlin. „Da ist man offen für Abkürzungen und vertraut gerne den Experten“, so der Allgemeinarzt aus Australien. „Doch die Abkürzung kann in die falsche Richtung führen. Dessen muss man sich bewusst sein.“ Mansfields Rat: den Kontakt mit Pharmafirmen und deren Vertretern meiden. „Lassen Sie sich mit Pharmareferenten auch nicht auf Diskussionen ein“, empfahl der Allgemeinarzt, der in seiner Heimat dem Verein „Healthy Scepticism“ vorsteht. „Sie diskutieren mit Menschen, die Millionen Dollar im Rücken haben und für solche Situationen speziell geschult wurden.“
Ähnlich argumentierte AkdÄ-Mitglied Prof. Dr. med. Johannes Köbberling. Die Ärzte seien darauf angewiesen, dass die wissenschaftliche Evidenz von Therapieverfahren für sie aufbereitet und ihnen vermittelt werde. Deshalb komme es besonders auf eine kritische Selektion der Informationsmedien an. „Viele Printmedien sind von der Industrie abhängig“, kritisierte Köbberling. Dabei sei das Ausmaß der Fremdbestimmung oft nicht erkennbar. „Achtung vor gratis zugestellten Zeitschriften“, warnte der Internist. Hier sei die Gefahr groß, dass es sich um „Gefälligkeitspresse“ handle. Indirekt kritisierte Köbberling auch die Kollegen, die eine gewisse Anfälligkeit für Geschenke zeigten: „Es gibt keine Kultur in Deutschland, dass Qualität und Unabhängigkeit ihren Preis haben.“
Auch mit den medizinischen Fachgesellschaften und wissenschaftlichen Experten ging Köbberling hart ins Gericht. Viele seien kaum noch objektiv und ließen sich von der Pharmaindustrie für deren Zwecke einspannen. Wie sein Vorredner Mansfield plädierte er dafür, die Kontakte zur Pharmaindustrie abzubrechen. „Entscheidend ist nicht die gefühlte Unabhängigkeit, sondern die faktische.“ Er reagierte damit auf die weit verbreitete Ansicht, dass man zwar auf Kosten der Pharmaindustrie reisen und speisen, sich aber dennoch seine geistige Unabhängigkeit bewahren könne. Doch Aufrufe zur Abstinenz genügen nach Ansicht von Köbberling nicht. Zum einen müsse sich auch die Politik endlich mit dem Einfluss der Pharmaindustrie auf die wissenschaftliche Diskussion und die ärztliche Verschreibungspraxis befassen. Zum anderen dürften Fortbildungsveranstaltungen nur noch dann zertifiziert werden, wenn der Veranstalter deren Pharmaunabhängigkeit nachweise. Köbberling: „Das sollte auch für die Fortbildung in Zeitschriften gelten.“ Für mehr pharmaunabhängige Forschung plädierte der Vorsitzende der AkdÄ, Prof. Dr. med. Bruno Müller-Oerlinghausen. Die unabhängigen Arzneimittelzeitschriften dürften nicht aufhören, Forschungsfelder zu definieren und große unabhängige Studien zu fordern. Die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzte ist mit einem solchen Vorstoß im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium allerdings vorerst ins Leere gelaufen. Heike Korzilius


Der Arzneimittelbrief wird herausgegeben von Dietrich von Herrath, Wolf-Dieter Ludwig und Walter Thimme. Er erscheint im Westkreuz-Verlag Berlin/Bonn. Informationen: www.der-arzneimittelbrief.de, Kontakt: Der Arzneimittelbrief, Schriftleitung, Potsdamer Straße 17, 12205 Berlin, Telefon: 0 30/84 31 43 61, E-Mail: info@der-arzneimittelbrief.de
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