ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2006Medizingeschichte(n): Alkoholmissbrauch – „Entartung“

MEDIZIN: Editorial

Medizingeschichte(n): Alkoholmissbrauch – „Entartung“

Schott, H.

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LNSLNS Zitat: „Der verderbliche Einfluss des Alkoholmissbrauches auf die Nachkommenschaft ist ein so augenscheinlicher und zugleich so ungemein wichtiger, dass wir wenigstens einige der auf diesem Gebiete bekannt gewordenen Tatsachenreihen wiedergeben mussten. Die Darstellungen sind ohne weiteres verständlich; sie zeigen einmal die grosse Kindersterblichkeit in Trinkerfamilien, sodann die Häufigkeit von Nerven- und Geisteskrankheiten wie von Missbildungen, endlich auch die geringere Widerstandsfähigkeit der Trinkerkinder gegen Tuberkulose. Es darf allerdings nicht unberücksichtigt bleiben, dass die Trunksucht der Eltern in vielen Fällen das Zeichen ihrer leiblich-seelischen Entartung [1] ist, die sie selbst schon von ihren Eltern ererbt haben. Selbstverständlich ist auch die Minderwertigkeit [2] der Kinder nicht allein durch die schädliche Wirkung des Alkohols auf die Keime [3] bedingt, sondern es spielen dabei die Begleiterscheinungen der Trunksucht, die Zerrüttung der Ehe, die sittliche Verwahrlosung und der wirtschaftliche Niedergang in Trinkerfamilien sicherlich eine wesentliche Rolle.“

Wandtafeln zur Alkoholfrage. Herausgegeben von Max Gruber und Emil Kraepelin. München: Lehmann 1907, Seite 17 f. (zu Tafel III: „Alkohol und Entartung“). – Der Psychiater Kraepelin (1856–1926) und der Hygieniker Gruber (1853–1927) waren seinerzeit auf ihrem jeweiligen Fachgebiet tonangebend. Insbesondere Gruber wurde zu einem prominenten Vertreter der sich entfaltenden Rassenhygiene. – [1] Die Degenerationslehre spielte im Zusammenhang mit Sozialdarwinismus und Rassenbiologie um 1900 eine wichtige Rolle. [2] Die Lehre von der „Organminderwertigkeit“ wurde in dieser Zeit auch von dem Individualpsychologen Alfred Adler zur Erklärung psychischer Fehlhaltungen („Minderwertigkeitskomplex“) herangezogen. [3] Alkohol galt als „Keimgift“ und damit – lange vor der Einführung der Zwangssterilisation im Nationalsozialismus – als Ursache von Erbschäden.

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