ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2006Paris branché: Die Hauptstadt einmal anders

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Paris branché: Die Hauptstadt einmal anders

Michael, Christian

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Opulente Straßenmalerei schmückt eine triste Ecke im 20. Arrondissement
Opulente Straßenmalerei schmückt eine triste Ecke im 20. Arrondissement
Was für die Amerikaner hip oder trendy ist, ist für die Franzosen branché: einige Insider-Tipps.

Paris hat wahrscheinlich mehr bekannte Sehenswürdigkeiten als jede andere Metropole der Welt. Trotzdem meinen viele, bereits alle(s) zu kennen. Touristen reisen an mit einem Koffer voller Erwartungen, die von grandiosen Panoramas und romantischen Spaziergängen entlang der Seine über frivole Nachtclub-Revuen bis zu unfreundlichen Franzosen reichen, die weder Deutsch noch Englisch sprechen (wollen). Sind Louvre, Eiffelturm, Notre Dame und Triumphbogen als Synonyme für die Königin des Städte-Tourismus einmal „abgegrast“ und auch das Chanel-Kostüm, die Handtasche von Louis Vuitton oder der klassische Hermès-Duft noch nicht wieder auf der Einkaufsliste, ist – ähnlich anderen Klassikern – auch Paris erst einmal passé. Doch im Gegenteil: Gleich Ernest Hemingway, der die Stadt als „anregendes Fest“ beschreibt, ist man mit Paris nie fertig.
Was für Amerikaner hip, trendy oder einfach in und für Deutsche angesagt oder krass ist, belegt der Franzose mit dem begriff branché. Die besonders bei jungen Leuten populäre Rue Oberkampf im Osten der Stadt mit ihren alten Handwerker-Traditionen und vielen Cafés und Bars aus einer anderen Epoche mag sich einfach nicht leeren, in Belleville nimmt die geruhsame Atmosphäre der alten Häuser mit ihren schönen Höfen und Gärten gefangen und begeistert die extreme Vielschichtigkeit der Bevölkerung, Pigalle ist richtig in Form, die Deep-House-Party im Folies Pigalle der Renner, und selbst die Grande Dame, die alten Champs-Elysées, macht von ihrer „Wiederauferstehung“ reden.
Montmartres Metro-Eingang im herrlichen Art-Nouveau-Stil Fotos: Christian Michael
Montmartres Metro-Eingang im herrlichen Art-Nouveau-Stil Fotos: Christian Michael
Der kleine Pariser Vorort Montreuil steckt mitten in einer Art Revolution und könnte schon über Nacht den alten, Noch-branché-Quartieren Bastille mit dem wiederhergestellten Viaduct der ehemaligen Bahnlinie Bastille/Bois de Vincennes, unter dessen Rundbögen nun Kunsthandwerker, Künstler und Gastronomen residieren, Ménilmontant und Canal Saint-Martin den Rang ablaufen. Wie schon zuvor in anderen Arrondissements sind es Künstler, Stylisten, Musiker, Schriftsteller und Intellektuelle, die neue Akzente setzen und in den alten, leer stehenden Industriehallen und Metallstrukturen à la Eiffel ihre neuen Paradiese finden. In metropolnaher Lage entsteht hier eine attraktive Mélange aus intensivem Urbanismus und ländlicher Ruhe, die eine gute Plattform zu sein scheint für das umgängliche Zusammenleben von mehr als 100 verschiedenen Nationalitäten.
Die kleinen, charmanten Pariser Cafés verführen immer wieder zu einer kurzen Rast.
Die kleinen, charmanten Pariser Cafés verführen immer wieder zu einer kurzen Rast.
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Ironisch nennt man Montreuil gerne auch Bamako nach dem größten Ort des afrikanischen Staates Mali. Die Vietnamesen ziehen gerade ein, und die algerischen Cafés verleihen ihm ein mediterranes Flair.
Wer Paris im Auto „erfährt“, ist völlig out und bestraft sich zudem mit elender Wartezeit im Stau. Paris à vélo heißt die Lösung. In den vergangenen Jahren hat die Stadtverwaltung ein Netz von Fahrradwegen in einer Länge von rund 150 Kilometern geschaffen. Auch wenn geführte Routen durchaus zum Centre Pompidou, zu Louvre, Bastille und Notre Dame führen, ist es der besondere Reiz der schmalen Gässchen im Marais, der vielen Stadtparks und der malerischen Ansichten entlang dem Canal Saint-Martin und dem Canal de l’Ourcq, der bezaubert – ganz zu schweigen vom Charme einer abendlichen Tour durch die „Lichterstadt“. Die Stationen der Vorortbahn RER sind nie weit von den Fahrradwegen entfernt und erlauben die Mitnahme des Fahrrads, sodass man den Rückweg nicht mit dem Rad zurücklegen muss. Einzigartig ist es, wenn sich jeden Freitag Abend bis zu 20 000 Scater treffen, um gemeinsam rund 25 Kilometer auf gesperrten Straßen und wechselnden Routen durch die Weltstadt zu rollen.
Für Energienachschub sorgen die Pariser In-Restaurants. Allerdings sind diese oft aufgrund ihrer außergewöhnlichen Aufmachung vornehmlich ein Augenschmaus, das Essen ist durchschnittlich, und die Bedienung verwechselt ein cooles Ambiente mit (nach-)lässigem Service. Dennoch: Auch wenn alles stimmt, muss nur Schritte von den Champs-Elysées entfernt die „Schallmauer“ von 30 Euro für ein Menü nicht durchbrochen werden.
Wer es weniger cool liebt, ist richtig am table d’hôte, dem französischen Stammtisch. Wurde dieser früher als „Katzentisch“ eher gemieden, ist er im Paris branché die erste Wahl. Beim communisme gastronomique ist die Etikette einfach. Niemand ist verpflichtet zu kommunizieren, aber hier sucht geradezu jeder den Kontakt, sodass einige Restaurants sogar Dinner-Debatten mit einem geladenen Gast organisieren.
In Paris wird die Wahl zur Qual: So gut wie alle Musik-Stilrichtungen sind hier vertreten. Queen, Rex und Gibus gehören derzeit zu den Rennern, und wenn hier frühmorgens die Lichter ausgehen, trifft sich alles zur After-hours-Party mit Seineblick auf einem alten Feuerschiff vor der Bibliothèque Nationale. Auch Latino-Fans werden nicht enttäuscht und erwarten mit Ungeduld die soirées der Favela Chic, und ohne die Chansons der Piaf, von Brassens, Brel, Lemarque und Lapointe wäre die Stadt nur halbherzig branché. Da bleibt, nicht nur nach durchzechten Nächten – die Frage nach einem passenden Ruhekissen.
Wieder im Trend liegen die Familienpensionen im Stil der III. Republik, in deren Wänden Geschichte steckt und die französische Lebensart vermitteln. Dort wird seit Jahrzehnten in strengem Rhythmus das Frühstück gemeinsam um neun Uhr und das Abendessen um 19 Uhr eingenommen. Maman schwingt als gute Fee des Hauses das Zepter, und der nächtliche Gast darf nur nach Voranmeldung mit aufs Zimmer. Christian Michael

Eine überdimensionale, moderne Eieruhr im Jardin des Plantes, Paris’ Botanischer Garten
Eine überdimensionale, moderne Eieruhr im Jardin des Plantes, Paris’ Botanischer Garten

Reise-Tipps
Allgemeine Auskünfte: Maison de la France, Zeppelinallee 37, 60325 Frankfurt/Main, Telefon: 01 90-57 00 25, Fax: 01 90-59 90 61, E-Mail: info.de@franceguide.com, Web: www.franceguide.com/de
Im Internet: www.timeout.com, www.novaplanet.com, www.parisavenue.fr, www.paris.org, www.radiofg.com.
Sightseeing: Paris à vélo (www.parisvelosympa.com); Balades en rollers/
Friday night fever (www.pari-roller.com); Parc de la Roseraie (www.lhaylesroses.fr/roseraie); Fondation Jean Dubuffet (www.dubuffetfondation.com/index_ang.htm); Guingette de l’Île du Martin-Pêcheur, 41 Quai Victor-Hugo, 94500 Champigny-sur-Marne, Telefon: 00 33/1/ 49 83 03 02, Fax: 49 83 76 31 (Publikum: 30 Jahre und älter)
Essen: Spicy (www.spicyrestaurant.com/en/default02.htm); Le Souk (www.lesoukfr.com); Club Méd World (www.clubmedworld.fr); Hélices et délices, 8, Rue Thénard, 75005 Paris, Telefon: 00 33/1/43 54 59 47 (Dinner-Debatten am Stammtisch mit geladenen Gästen)
Schlafen: Hotel Opéra Richepanse (www.hotel-opera-richepanse.fr); L´Hôtel (www.l-hotel.com); Hotel des Grandes Écoles, 75 Rue du Cardinal-Lemoine, 75005 Paris, Telefon: 00 33/1/43 26 79 23, Fax: 43 25 28 15 (nicht prätentiös, aber mitten im vie branchée an der Place de la Contrescarpe); Les Marroniers (www.hotellesmarronniers.com)

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