ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: PRAXiS 3/2006Kommentar: Hochsicherheitszone Arztpraxis

SUPPLEMENT: PRAXiS

Kommentar: Hochsicherheitszone Arztpraxis

Möller, Carl-Thomas

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Foto: Andre Letztel/Fotolia
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Praxis-EDV, Chipkarte, Systembetreuung – für fast alle Ärzte sind das Reizworte. Und nicht wenige vermuten lukrative Interessenverflechtungen zwischen EDV-Anbietern, Politik und Kassenärztlichen Vereinigungen, wobei aberwitzig hohe Kosten produziert werden, die eigentlich gar nicht nötig sind. Bei allem Verständnis für die wirtschaftlichen Interessen der EDV-Branche, wehre ich mich dagegen, dass wir Ärzte – auf dem Umweg über überteuerte „lizenzierte“ beziehungsweise „zertifizierte“ Software (nebst „kompatibler Hardware“) mal wieder die Zeche zahlen sollen.
Teure Nischenmärkte
Selbstverständlich, ein vernünftiger Datenschutz muss sein. Das kann EDV auch schon lange: zum Beispiel bei Millionen Kreditkarten und Online-Bankkonten. Da gibt es zahlreiche Modelle, die alle Teilnehmeridentifikation, Vertraulichkeit der Datenübertragung und Schutz vor Missbrauch ermöglichen, und zwar zu Preisen, die offensichtlich niedriger sind als die konventionellen Kontoführungsgebühren. Denn fast immer gibt die Bank einen Gebührennachlass, und das Kartenlesegerät bekommt man meistens noch gratis dazu. Ich kenne Kollegen, die seit Jahren mit handelsüblichen Universalkartenlesegeräten aus dem Computershop arbeiten (Markengeräte kosten um die 25 Euro), und die kommen auch klaglos mit der (bisherigen) Versichertenkarte zurecht. Beim Ärzte-Systembetreuer kosten die Geräte dann mindestens das Fünffache, und am liebsten schwatzt der einem dazu auch gleich einen Servicevertrag auf. Nur böse denkende Menschen könnten auf den Gedanken kommen, dass hier „branchenspezifische EDV-Lösungen“ gezielt ausgetüftelt werden, um Nischenmärkte zu schaffen, die dann mit „Zertifizierungsanforderungen“ vor Fremdanbietern geschützt werden, damit man die Marktteilnehmer (das sind wir Ärzte) durch maßlos überhöhte Preise schamlos abzocken kann.
Bei der Gesundheitskarte soll alles noch viel besser werden, zum Beispiel der Schutz vor Missbrauch (unsere Schüler-Wochenkarte für die Straßenbahn hatte übrigens schon vor 30 Jahren ein Lichtbild) oder die vertrauliche Serverrecherche (das kann jede Kreditkarte seit 20 Jahren).
Natürlich versucht die EDV-Branche uns auch hier wieder ein bisschen Mehr an Sicherheit zu verkaufen. Ich komme aber auch ganz gut zurecht, indem ich auf das grundgesetzlich geschützte Brief- beziehungsweise Telefongeheimnis vertraue. Wenn ich tatsächlich mal „brisantes“ Material über den PC verschicken möchte, kann ich auch ein gängiges Verschlüsselungsprogramm benutzen und den Kode zuvor über die geschützte Telefonleitung abgleichen.
Jedenfalls sehe ich absolut keine Notwendigkeit, uns im ärztlichen Bereich auf das Niveau eines militärischen Geheimdienstes hochzurüsten. Vielmehr sollten die allgemeinen Anforderungen ausreichen, wie sie im bürgerlichen Bereich üblich und durch gesetzliche Vorgaben beziehungsweise ärztliche Berufsordnung ohnehin geschützt sind. (In speziellen Fällen steht es jedem Patienten selbstverständlich frei, mit seinem Arzt individuelle Vereinbarungen zu treffen.)
Kein perfekter Schutz
Auch in Zukunft werden wir nicht vor menschlichen Unzulänglichkeiten gefeit sein, weder vor einer versehentlich falschen Adressierung noch vor einem Irrläufer. Auch nicht vor kriminellen Machenschaften, dass etwa jemand die Telefonleitung anzapft oder in die Praxis einbricht, Karteikarten entwendet und anschließend den Arzt oder gut betuchte Patienten zu erpressen versucht. Dabei kommt es nicht darauf an, welcher (technische) Weg genutzt wird.
Und sollte am Telefongeheimnis genereller Nachbesserungsbedarf bestehen, dann wäre jede „Insellösung“ (zum Beispiel für den medizinischen Bereich) kontraproduktiv. Dann muss sich vielmehr der Gesetzgeber an der richtigen Stelle bewegen, denn schließlich wollen wir alle, dass unser privates Telefongespräch auch tatsächlich privat bleibt. Dr. med. Carl-Thomas Möller, 53721 Siegburg
E-Mail: dr.moeller-siegburg@t-online.de
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