SUPPLEMENT: PRAXiS

Kursprognosen: Kopf oder Zahl?

Godek, Manfred

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Foto: Fotolia [m]
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Man könnte auch eine Münze werfen. Marktschwankungen lassen kaum noch sichere Voraussagen zu.

Der Deutsche Aktienindex (DAX) hat die Härtetests – Quartalszahlen und Zinsentscheidungen – erst einmal bestanden. Darin sind sich die „Experten“ einig. Allerdings liegen sie in ihren Einschätzungen, wo die Reise hingeht, wieder einmal meilenweit auseinander. Ihre Kursprognosen liegen zwischen 5 200 und 6 600 Zählern zum Jahresende. Wissenschaftler haben allerdings herausgefunden, dass auf solche Kursprognosen der „Börsengurus“ nicht viel zu geben ist: Sie sind nicht signifikant besser als die von Laien.
Dart spielende Affen
Für sein Buch „Random Walk down Wall Street“ ließ der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Burton Malkiel bereits vor 30 Jahren Affen mit verbundenen Augen Dartpfeile auf eine Tafel mit Kurszetteln werfen. Das durch die Zufallstreffer ausgewählte Aktienportfolio erzielte am Ende eine genauso gute Performance wie ein von Profis zusammengestelltes. Seitdem gibt es in den USA eine Vielzahl an Wettbewerben, bei denen Schüler, Rentner oder Naturschützer mit der Dartpfeil-Methode gegen Profis antreten und mit diesen stets gleich oder sogar besser abschneiden. Und nur aus Tierschutzgründen wird auf den Einsatz von Primaten verzichtet.
Dass sich solche Ergebnisse
auch ohne sportlichen Kräfteeinsatz mit Münzwürfen erzielen lassen, hat Holger Benke herausgefunden. Der Finanzexperte und Geschäftsführer der gemeinnützigen Hertie-Stiftung wertet seit 1992 die Prognosen von deutschen Banken und Kapitalanlagegesellschaften aus. In die Untersuchung sind etwa 30 führende Institute in wechselnder Zusammensetzung einbezogen. Zwar haben in 66 Prozent der Fälle die DAX-Trendprognosen gestimmt – aber was heißt das schon. Für optimale Anlageentscheidungen reicht es nicht aus, nur die Windrichtung zu kennen. Beispiel: Anfang 1999 prognostizierte eine Bank moderate Kurssteigerungen von 5 000 auf 5 100 Punkte – ein Plus von gerade einmal zwei Prozent. Tatsächlich lag der Index zum Jahresende bei fast 7 000 Punkten. Für 2005 stellte ein Institut eine geringfügige Steigerung von 4 256 auf 4 300 Punkte (plus ein Prozent) in Aussicht. Tatsächlich wurden Ende 2005 5 408 Punkte notiert; ein sattes Plus von 27 Prozent. Fazit: Es wurden sowohl häufig die Richtung als auch das Ausmaß der Kursbewegungen krass unterschätzt.
Der rational denkende Anleger stellt den am Aktienmarkt prophezeiten Gewinnen eine „risikoarme“ Anlage gegenüber. Die Renditen zum Beispiel einjähriger Bundesanleihen lagen in den genannten Zeiträumen bei drei beziehungsweise 2,2 Prozent. Wer sein Vermögen daraufhin in Renten umschichtete, verlor eine Menge Geld. Umgekehrt das gleiche Bild: Nach dem Börsencrash des Jahres 2000 wurden die Märkte von den Banken lange Zeit viel zu optimistisch bewertet. Allerdings lagen auch die Zinsprognosen in den letzten 14 Jahren weit neben der Realität. Von 425 Trendansagen waren 243 (57 Prozent) falsch. Die Prognosequalität von Münzwürfen beträgt 50 : 50.
Herdenverhalten
Früher hatten es die Analysten einfacher. Seit Kriegsende ging es langfristig aufwärts. In den vergangenen 57 Jahren schnitten deutsche Aktien in 39 Jahren positiv ab. Wer steigende Kurse in Aussicht stellte, hatte demnach gute Chancen, richtig zu liegen. Die Wertpapierberater der Banken zum Beispiel konnten mit etwas Glück kaum etwas falsch machen. Damit ist es vorbei.
„Die Märkte verändern sich heute zu schnell und zu kurzfristig, als dass man daraus einen stabilen Mainstream ablesen könnte. Selbst innerhalb von Trendzyklen sind Korrekturphasen von zehn oder 20 Prozent nicht außergewöhnlich“, sagt Dr. Johannes Harl, Geschäftsführer der HPM Portfolio-Management. Die Düsseldorfer Firma hatte sowohl das Szenario zur Jahrhundertwende als auch den DAX-Verlauf im Jahr 2005 als einer von wenigen Vermögensverwaltern fast punktgenau vorausgesagt. Traditionell werde allerdings versucht, Kursausschlägen aus dem Weg zu gehen. Zeitgemäßer sei es jedoch, die Schwankungen einzelner Aktien zu nutzen, um dadurch womöglich noch besser abzuschneiden als der Index. „Taktische Asset Allocation“ heißt in der Fachsprache die Strategie, die Prognosen der Analysten mit einem zeitweiligen Abweichen von deren Linie „outzuperformen“. Den Experten selbst, so Benke, fehle es jedenfalls an Mut, mit starken Entwicklungen umzugehen. James Montier, Chef-analyst bei Dresdner Kleinwort, spricht sogar von einem regelrechten „Herdenverhalten“, mit denen Finanzexperten ihren meist unzutreffenden Prognosen folgten. Nahe liegend sind allerdings auch rationale Überlegungen. Wer mit seinen Zahlen aus der Rolle fällt, läuft eine größere Gefahr, sich zu blamieren.
Für Aufregung sorgte kürzlich Graham Copley, Chef der globalen Aktienanalyse bei HSBC in London. In einer hausinternen E-Mail bezeichnete er die von seinen Mitarbeitern verfassten Aktienanalysen als „wertlosen Kram“. Viele Analysten hätten es dieses Jahr nicht verdient, bezahlt zu werden. Zufällig drang die E-Mail nach draußen. Eine führende internationale Finanzzeitung startete daraufhin eine Umfrage. Zwei Drittel der Befragten beklagten das Herdenverhalten der Analysten, die munter voneinander abschrieben und nichts anderes lieferten als aufgepäppelte Pressemitteilungen.
Nach einer aktuellen Umfrage setzen mittlerweile mehrere deutsche Banken ihr Jahresendziel für den DAX bei 6 000 und mehr Punkten an. Eine von ihnen sieht den DAX Ende 2006 sogar bei nicht weniger als 6 600 Punkten. Es scheint, als hätten zumindest einige Akteure ihre Angst, sich zu blamieren, überwunden. Manfred Godek
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