ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: PRAXiS 3/2006Coaching: Motivation, Modelle, Philosophie – Die Frage nach dem Ziel

SUPPLEMENT: PRAXiS

Coaching: Motivation, Modelle, Philosophie – Die Frage nach dem Ziel

Gersch, Claus-Dieter

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Foto: SHAKIF-FOTOLIA
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Konzepte für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte: Von einer ertragreichen Praxis bis zum Erhalt der Gesundheit

Wenn jemand eine Person auf der Straße fragen würde: „Was ist Ihr Ziel?“, würde diese zunächst einmal stutzen und dann vielleicht ihr geographisches Ziel nennen: „Ich gehe gerade einkaufen, und mein Ziel ist der Supermarkt.“ – Im Coaching geht es auch um zielgerichtetes Handeln, allerdings weniger geographisch, sondern mehr intrinsisch, also im Inneren und von innen nach außen: „Das basale Ziel von Coaching besteht in der Förderung beruflicher Selbstgestaltungspotenziale, also des Selbstmanagements von Führungskräften und Freiberuflern. In diesem Punkt ähnelt übrigens das Management-Coaching dem im Sport. Hier wie dort spielen . . . ,einsame Leistungen‘ eine Rolle, auf die der Coach seinen Klienten vorbereiten soll.“ (Schreyögg 1995)
Den Coaching-Prozess sportlich zu begreifen – besser zu sein als die anderen also –, spornt an und sorgt für die erforderliche intrinsische Motivation. Wie im Sport steht am Anfang eines Coachings die Frage: Welches Ziel habe ich? Gemeint sind hier nicht Wünsche, wie zum Beispiel Glück, Geld, Gesundheit. Auf das Glück hat man kaum Einfluss. Auf die Gesundheit in Maßen. Auf Geld, nun ja. Wie berechtigt diese Wünsche auch sein mögen: Um ein Ziel zu erreichen, müssen klare Regeln (O’Connor/Seymour 1992) akzeptiert werden:
- Ein Ziel muss realistisch sein und sich im eigenen Einflussbereich befinden.
- Ein Ziel muss konkret, attraktiv und jederzeit überprüfbar sein.
- Ein Ziel muss positiv formuliert, schriftlich festgehalten werden und sinnlich erfahrbar sein.
- Der Klient muss sofort aktiv werden und seine einzelnen Schritte planen.
Hat der Klient sein Ziel schriftlich formuliert und auf einer Skala von null bis zehn angekreuzt, wie weit er vom Ziel entfernt ist, kann die Arbeit beginnen und anhand der Skalierung ständig evaluiert werden. Das Ziel ist dabei schon vom ersten Schritt an mitgedacht. Viele Klienten, die vom Coach gebeten werden, einen Tages-, Wochen- und Monatsplan zu machen (Seiwert 1995), wie sie ihre Ziele erreichen wollen, stöhnen an dieser Stelle der Beratung erst einmal laut auf. Doch bei der nächsten Sitzung gibt so mancher gern zu: Es geht wohl doch nur mit Disziplin. Disziplin gehört zu jenen Begriffen, die wie Pflichtbewusstsein, Selbstverantwortung und Aufrichtigkeit zu keiner Zeit so richtig Konjunktur haben. Sicher, es gibt auch andere Wege, sein Ziel zu erreichen. Doch in erstaunlich vielen Lebensläufen von Menschen, die ihr Ziel erreicht haben, finden sich Lebenseinstellungen wie diese wieder:
- Ich bin für mich und mein Handeln selbst verantwortlich.
- Ich muss vor mir Rechenschaft ablegen.
- Ich bin anderen Menschen gegenüber verpflichtet und verantwortlich.
Dies sprenge ja wohl, so könnte man meinen, den Rahmen eines gewöhnlichen Coachings. Doch es gibt kein „gewöhnliches“ Coaching. Jede Sitzung ist mehr oder weniger ungewöhnlich, immer individuell und vertraulich, immer lösungsorientiert und zielgerichtet – wie die Beratung eines Arztes in seiner Praxis. Der Patient sucht einen Arzt auf, um gesund zu werden. Der Klient kommt zu einem Coach, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Entscheidend ist – beim Gesundwerden ebenso wie beim Erreichen eines Ziels – sehr oft die eigene Persönlichkeit beziehungsweise das, was sie ausmacht. Dazu gehören Fragen wie diese:
- Wie orientiere ich mich in der Welt (Geburt, Erfahrung, Motivation)?
- Wie sorge ich für die Befriedigung meiner Grundbedürfnisse?
- Welche Werte und Überzeugungen habe ich?
- Wer bin ich?
- Wohin gehöre ich?
- Was ist der Sinn von alldem?
Geht man davon aus, dass die motivationalen Schemata eines Menschen (Grawe 2004) sich von frühester Kindheit an im Gehirn neuronal einprägen und dies das eigene Denken und den inneren Dialog später beeinflusst, dann bestimmen diese neuronal gebahnten motivationalen Schemata unser Denken und Handeln heute sowie die Bereitschaft oder die Abneigung, uns zu verändern. Kurz: Wir sind so, wie wir denken. Und wir denken so, wie wir sind. Gibt es keinen Ausweg? Vielleicht doch: indem wir neue Erregungsmuster schaffen und die alten Bahnungen blockieren.
Das ist schon die hohe Schule des Coachens. Denn hier geht es nicht nur um die Veränderung des Verhaltens, sondern um die Veränderung der inneren Einstellung, um das eigene Weltbild, um Identität und Sinn. Wer sich damit in einem Coaching beschäftigt, der sucht Orientierung, der denkt nicht nur an die Gegenwart, sondern auch an die Zukunft; der ist nicht mehr auf dem Egotrip, sondern sieht sich als Teil eines Ganzen. Das ist Coachen auf der Werte- und Identitätsebene (Dilts 2005). Hier wird der Coach zum Mentor und Förderer seines Klienten.
Wesentlich überschaubarer, doch für manchen nicht minder schwierig, ist die Auseinandersetzung mit der Gegenwart, mit Beruf, Partnerschaft, Freizeit, Gesundheit – mit dem, was man (Work-)Life-Balance nennt. Man geht davon aus, dass bestimmte Bereiche des Lebens sich gegenseitig bedingen, zum Beispiel: Beruf und Geld, Familie und Beziehungen, Freizeit und Gesundheit, Motivation und Sinn.
Diese vier Bereiche sollten im Gleichgewicht sein. Denn die schönste Karriere mit großem Einkommen nützt wenig, wenn die ersten gesundheitlichen Symptome des Dauerstresses sich zeigen. Andererseits führt die ständige Beschäftigung mit der Sinnfrage nicht automatisch zur Finanzierung des eigenen Daseins. Ein Coaching kann hier Orientierung geben und Klarheit bringen. Nicht selten stellt sich beim gecoachten Klienten bald die Einsicht ein: Ja, alles auf einmal geht wohl doch nicht.
Zwei Themen finden sich in fast jedem Coaching wieder: der große Bereich des Selbstmanagements und die oftmals schwierige Kommunikation. Selbstmanagement bedeutet:
- Wie bin ich strukturiert und organisiert, wie sehen meine Führungsqualitäten aus?
- Wie nutze ich meine Zeit, und wie setze ich Prioritäten?
- Wie führe ich überzeugend und erfolgreich?
- Wie erreiche ich in Gespräch und Verhandlung „Win-Win-Ergebnisse“?
- Welche weiteren Fähigkeiten muss ich mir aneignen, um meine Ziele zu erreichen?
N Wie löse ich Konflikte, ohne dass Verlierer auf der Strecke bleiben?
Gerade die Lösung von Konflikten hat viel mit Empathie und Kommunikation zu tun. Dabei kann es hilfreich sein zu wissen, dass alles Gesagte einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt (Watzlawick u. a. 1969) hat. So ist nicht entscheidend, was jemand sagt, sondern was beim anderen ankommt (wobei Kommunikation nicht immer Sprechen heißt). Zu bedenken ist: Der Ton macht die Musik. Nur wenn es gelingt, Empathie aufzubauen, kann Kommunikation funktionieren. Das ist im Coaching nicht anders als in der Arztpraxis. Wertschätzung dem anderen gegenüber und eine zugewandte klare Kommunikation sind wichtige Voraussetzungen für den Erfolg eines Unternehmens, einer Arztpraxis (siehe „Hilfreiche Auszeit für eine gezielte Beratung“, PRAXiS 1/06).
Der Klient steht beim Coaching im Mittelpunkt. Auch der Coach sollte ein bestimmtes Profil haben: „Kennzeichen eines solchen Beraters ist – entsprechend der Aufgabe – eine interdisziplinär angelegte Schnittfeldqualifikation, die ihre Wurzeln in einem humanwissenschaftlichen Zugang einerseits (Psychologie, Pädagogik, Philosophie) und einem sachrationalen, technisch-wirtschaftlich orientierten Vorverständnis von Management andererseits hat“ (Looss 2002).
Die Beweggründe, sich coachen zu lassen, können sehr unterschiedlich sein. Da will ein Unternehmer (zum Beispiel ein Arzt oder eine Ärztin) sich am Markt besser positionieren, seine Führungsfähigkeiten, Kommunikation und Marketing verbessern; eine Führungskraft will ihre beruflichen und privaten Ziele „unter einen Hut“ bringen und dabei fit bleiben; und ein anderer möchte ganz einfach nur mehr vom Leben haben. Claus-Dieter Gersch, www.gersch-win.de
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