ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2006Suchtmedizin: Evidenzbasierte Therapiestandards

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Suchtmedizin: Evidenzbasierte Therapiestandards

Kiefer, Falk

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Foto:Vario Images
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Mit der Optimierung der Therapie Suchtkranker befasste sich eine Tagung der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie.

Die Integration von Suchtforschung und Suchttherapie in die Medizin hat in den vergangenen zehn Jahren große Fortschritte erlebt. Durch Erkenntnisse zur Interaktion neurobiologischer und psychosozialer Faktoren von Suchterkrankungen konnte eine pragmatische, an evidenzbasierten Kriterien orientierte Therapie etabliert werden, die nicht primär von traditionellen „therapeutischen Haltungen“, sondern von evidenzbasierten Konzepten getragen ist. Dies wurde deutlich bei der 16. Wissenschaftlichen Tagung der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG Sucht) Ende März in Regensburg, die unter dem Motto „Optimierung der Suchttherapie“ stand.
Auf Grundlage dieser Erkenntnisse konnten inzwischen für alle Bereiche der Suchtmedizin wissenschaftlich begründete Therapiestandards entwickelt werden. Die Behandlungsoptionen beinhalten pharmakotherapeutische, psychotherapeutische und soziotherapeutische Maßnahmen. Entscheidend ist, dass in den vergangenen Jahren die Integration vorher scheinbar gegensätzlicher Behandlungsprinzipien gelungen ist und heute pharmakotherapeutische und psychosoziale Maßnahmen in einem rationalen Therapieansatz in Kombination zur Anwendung kommen.
Auch die Suchtforschung, die neue Therapieinterventionen entwickeln und auf ihren Evidenzgrad prüfen kann, hat einen nachhaltigen Aufschwung erlebt. Im vergangenen Jahrzehnt konnten sieben Professuren für Suchtforschung oder Suchttherapie an deutschen Universitäten etabliert werden (Würzburg, Heidelberg/Mannheim, Essen, Dresden, Tübingen). Aktuelle Forschungsergebnisse erlauben eine klare Differenzierung zwischen wirksamen, fraglich wirksamen und unwirksamen Therapiemaßnahmen. Die Aufgabe der Bewertung dieser Ergebnisse hat die DG Sucht im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie übernommen.
Die jüngst publizierten Ergebnisse der Leitlinienentwicklung wurden auf der Tagung vorgestellt (1), an der rund 200 Suchtexperten teilnahmen, um aktuelle Entwicklungen und Therapiestandards zu diskutieren. Der Herausgeber der internationalen Fachzeitschrift „Addiction“, Robert West, charakterisierte in seinem Eröffnungsvortrag Sucht als substanzinduzierte Störung des motivationalen Systems. Damit ist die fehlende Abstinenzmotivation Kernsymptom jeder Suchterkrankung und indiziert eine Behandlung. Sie kann nicht – wie häufig in der klinischen Praxis – zur Voraussetzung für die Therapie gemacht werden. Getragen von dieser Erkenntnis, beginnt die Suchttherapie heute zum frühstmöglichen Zeitpunkt, häufig als motivationale Intervention, mit dem Ziel, eine Veränderungs- und Behandlungsbereitschaft aufzubauen und zu stärken.
In den Vorträgen von Prof. Karl Mann, Mannheim, und Prof. Gerhard Bühringer, Dresden, wurde deutlich, dass die aktuelle diagnostische Klassifizierung der Abhängigkeitserkrankungen eine Einheitlichkeit suggeriert, die den unterschiedlichen suchtassoziierten Syndromen nicht gerecht wird. Genetische, neurobiologische und bildgebende Forschungsergebnisse deuten auf differenzierbare Untergruppen Abhängigkeitserkrankter mit abgrenzbarer Vulnerabilität und Verlauf hin, die in Zukunft einer stärker individualisierten und an die Symptomatik angepassten Therapie bedürfen, wenn die bisherigen Behandlungsergebnisse optimiert werden sollen. Aber auch diese sind besser als oft angenommen: Nach leitliniengemäßer suchttherapeutischer Behandlung sind 50 Prozent der alkoholabhängigen Patienten über mindestens fünf Jahre abstinent, wenn sie die Therapieangebote der Akut- und Rehabilitationsbehandlung in Anspruch nehmen.
Prof. Mann, Ordinarius für Suchtforschung an der Universität Heidelberg und Ärztlicher Direktor der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim, der zum neuen Präsidenten der DG Sucht gewählt wurde, will in seiner Amtszeit deutschlandweit integrierte Versorgungsmodelle sowie die dreiwöchige qualifizierte Entzugsbehandlung durchsetzen. Weiter liegt ihm an einer besseren Kooperation der verschiedenen wissenschaftlichen Gesellschaften in Suchtforschung und Suchtmedizin und an einem Ausbau der Forschung.

Literatur
1. Schmidt LG, Gastpar M, Falkai P, Gaebel W (Hrsg.): Evidenzbasierte Suchtmedizin. Behandlungsleitlinie Substanzbezogene Störungen. Deutscher Ärzte-Verlag 2006.

Prof. Dr. med. Falk Kiefer,
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim
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