ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2006Stalking. Opfer, Täter, Prävention, Behandlung

BÜCHER

Stalking. Opfer, Täter, Prävention, Behandlung

Fiedler, Peter

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Stalking: Interessante Ideen
Peter Fiedler: Stalking. Opfer, Täter, Prävention, Behandlung. Beltz PVU, Beltz Verlag, Weinheim, Basel, 2006, X, 187 Seiten, gebunden, 32,90 €
In den letzten zehn Jahren wurden vorwiegend aus angelsächsischen Ländern, mittlerweile aber zum Beispiel auch aus Deutschland, Studien in hochrangigen wissenschaftlichen Zeitschriften zum Thema Stalking publiziert. 2005 und Anfang 2006 wurden von führenden Wissenschaftlern auf diesem Gebiet – unter anderem auch vom Rezensenten – bereits Monographien zum Thema vorgelegt. Diese Publikationen haben gezeigt, dass das Stalkingkonzept ein wissenschaftlich sinnvolles Konstrukt ist.
Peter Fiedler legt nun ein weiteres Buch zum Thema Stalking vor, und es stellt sich die Frage, was es an neuem Erkenntnisgewinn bietet. Die ersten sechs Kapitel beschäftigen sich mit bekannten Problemen der Eingrenzung und Definition von Stalking, der Prävalenz und den Folgen von Stalking für die Opfer. Breiten Raum nimmt auch die Darstellung und Diskussion bisher vorgeschlagener Typologien sowie der Risikoeinschätzung ein. Diese Kapitel sind durchweg gut lesbar geschrieben, sie stützen sich wesentlich auf bereits vorliegende Publikationen.
Der Autor selbst betont, dass Kapitel sieben und acht seines Buches zu den wichtigsten eigenen Beiträgen zählen. Auch wenn diese Ausführungen vorwiegend theoretischer Natur sind, finden sich hier einige interessante Ideen. In Kapitel sieben entwickelt Fiedler eine dimensionale Taxonomie für Stalkingphänomene, die die Strukturdimension der Persönlichkeit sowie die interpersonelle Dimension der Beziehungsmotive berücksichtigt. Eine grundsätzliche Limitation aller Taxonomien besteht darin, dass die sehr unterschiedlichen Erwartungen, die mit einem solchen Einteilungsversuch verbunden sind, auch bei hohem Differenzierungsgrad niemals gleichzeitig befriedigt werden können. Dies gilt auch für die hier vorgeschlagene Taxonomie, die zwar auf einer stringenten Theorie basiert, letztlich aber zu unübersichtlichen und auch fraglichen Zuordnungen kommt. Beispielhaft sei hier genannt, dass in dieser Taxonomie der hoch kontrollierte Ex-Partner, der zuvor keine Gewalt angewendet hat, angeblich ein eher mäßiges Gewaltrisiko habe, wobei es gerade bei diesem Typus im Kontext psychopathologischer Entwicklungen zu massiven katathymen Gewalthandlungen kommen kann.
In Kapitel acht wird eine interpersonelle Analyse von Stalking vorgenommen. Die Betonung des interaktionellen Charakters von Stalking ist ein wichtiger Aspekt, der bisher eher vernachlässigt wurde. Die in diesem Kapitel entwickelten psychologischen Überlegungen und Verstehensansätze könnten Ausgangspunkt für weitere Forschungsansätze sein. In Kapitel neun, zehn und elf befasst sich Fiedler mit Prävention, Beratungs- und Behandlungsansätzen für Opfer und Täter. Dabei betont er zu Recht, dass es an wissenschaftlich evaluierten Therapieperspektiven bisher mangelt. Die von Fiedler vorgeschlagenen Ideen zur Beratung und Behandlung von Opfern sind an Konzepte der Krisenintervention sowie der Therapie von Angst- und depressiven Störungen angelehnt. Bezüglich der Interventionsmöglichkeiten bei Stalkern werden Parallelen zur Therapie von Sexualstraftätern gezogen. Woran es bisher fehlt, und darauf weist auch Fiedler hin, ist die wissenschaftliche Evaluation dieser Therapieansätze.
Insgesamt hat Fiedler ein gut lesbares Buch über Stalking vorgelegt. Die im Buch vorgestellten Vorschläge zur Therapie von Opfern und Tätern bedürfen aber unbedingt wissenschaftlicher Evaluation, bevor sie als gesicherte Standards gelten können. Harald Dreßing
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema