ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2006Scham. Gesichter eines Affekts

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Scham. Gesichter eines Affekts

PP 5, Ausgabe September 2006, Seite 386

Hilgers, Micha

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Scham: Beeinflussung des Selbsterlebens
Micha Hilgers: Scham. Gesichter eines Affekts. 3., überarbeitete Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2006, 364 Seiten, 1 Tabelle, kartoniert, 24,90 €
Schamreaktionen und Schamkonflikte spielen nicht nur im Alltagsleben eine wesentliche Rolle, sie prägen auch die Autonomie- und Identitätsentwicklung und haben – soweit sie ein gewisses Maß nicht überschreiten – eine identitäts- und entwicklungsfördernde Funktion.
Als niedergelassener Diplom-Psychologe und Psychoanalytiker stellt der Autor ausführlich dar, dass Scham zunächst kein pathologisches Gefühl ist, sondern ein wichtiger Regulationsmechanismus sowohl innerhalb des Selbst als auch in der Beziehung zwischen dem Selbst und der Umwelt. Erst wenn die Intensität der Scham übermächtig wird, wirkt sie destruktiv, wobei das Maß individuell verschieden ist.
Der Autor beschreibt zunächst die Dynamik der Schamaffekte bei somatischen Erkrankungen, zum Beispiel bei Krebs, Aids, Demenz und bei anderen sozial stigmatisierenden Diagnosen. Auch bei psychischen Krankheiten beeinflussen diese Affekte das Selbsterleben und die Stabilität des narzisstischen Gleichgewichts. Die Psychodynamik bei den einzelnen psychischen Störungen wird ausführlich aufgezeigt: bei der Schizophrenie, den Zwangsstörungen, den suizidalen Syndromen, den hypochondrischen Ängsten, den verschiedenartigen Dysmorphophobien, den verschiedenen Formen der Depression, den Borderline-Störungen und der posttraumatischen Belastungsstörung.
Schamgefühle und Schamkonflikte werden auch in der Persönlichkeit des Therapeuten wirksam, zum Beispiel während seiner Ausbildung, in der Supervision, innerhalb seines Teams und innerhalb seiner Beziehung zum Patienten. Deshalb nimmt die Beschreibung des technischen Umgangs mit diesen Konflikten in der Beziehung zwischen Patient und Therapeut einen breiten Raum ein. Situationen wie Zuspätkommen und Nichtbezahlen, Müdigkeitsreaktion des Therapeuten, Sexualisierungen und erotische Übertragungsbeziehungen werden analysiert und Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt.
Scham entsteht auch im Moment der Abweichung, des Anders- oder Fremdseins und stellt sich in jeder Kultur verschiedenartig dar. Auch auf diese Aspekte wird eingegangen.
Das Buch liest sich sehr spannend und kann nicht nur Ärzten und Psychologen empfohlen werden, sondern allen, die in so genannten helfenden Berufen einfühlsam und sorgsam ihre Arbeit gestalten. Ingrid Barley
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