ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2006Gesundheitsreform und Psychotherapie: Chancen und Risiken

POLITIK

Gesundheitsreform und Psychotherapie: Chancen und Risiken

PP 5, Ausgabe September 2006, Seite 393

Bühring, Petra

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LNSLNS Die Gesundheitsreform bietet Chancen für eine bessere Versorgung psychisch Kranker. Die Honorarreform muss zur Vergütung psychotherapeutischer Leistungen noch konkretisiert werden.

Die geplante Gesundheitsreform nimmt Gestalt an. Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium hat einen ersten Arbeitsentwurf für einen Gesetzestext vorgelegt. Wie auch schon die Eckpunkte, stößt der Entwurf in vielen Punkten auf Kritik (siehe Seite 391). Nach Ansicht der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) bietet die Reform in einigen Bereichen aber auch Chancen für eine bessere Versorgung psychisch Kranker. So begrüßt die BPtK die angestrebte flexiblere Vertragsgestaltung zwischen Krankenkassen, Kassenärztlichen Vereinigungen, Ärzten und Psychotherapeuten. Die Option neuer Versorgungsformen, neben der Richtlinienpsychotherapie, ermögliche vielen Patienten eine „bedarfsgerechte Behandlung“, betont Dr. Christina Tophoven, Geschäftsführerin der BPtK. Einige wenige Beispiele, wie die „Sozialpsychotherapievereinbarung“ in Rheinland-Pfalz für Kinder mit ADHS und anderen chronischen psychischen Störungen gibt es bereits. Dort haben Verbände der Ersatzkassen mit der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung e.V. einen Vertrag zur Integierten Versorgung nach § 140 SGB V abgeschlossen*. In Rheinland-Pfalz können die beteiligten Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten die Kinder bei Bedarf direkt an Ergotherapeuten überweisen. Die Verordnung von Heilmitteln wie Ergotherapie oder Logopädie durch Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten ist eine weitere Forderung der BPtK im Rahmen der Gesundheitsreform, auch wenn dieser Punkt dort nicht speziell angesprochen wird. Gleiches gilt für die Forderung, Patienten an gebietsspezifische Einrichtungen überweisen zu können. Beides senke die Kosten und die Belastungen durch Mehrfachuntersuchungen und führe zu einer besseren Verzahnung der ambulanten und stationären Behandlung psychisch Kranker, so die Begründung.
Auf eine neue Grundlage soll das Verhältnis von Gesetzlicher Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) und privater Kran­ken­ver­siche­rung (PKV) gestellt werden. So soll allen Nichtversicherten eine Rückkehrmöglichkeit in ihre jeweils letzte Kran­ken­ver­siche­rung eröffnet werden. Die private Kran­ken­ver­siche­rung muss hierfür einen dem Leistungsumfang der GKV entsprechenden Basistarif mit Kontrahierungszwang „zu bezahlbaren Prämien“ anbieten. Der Basistarif umfasst den Leistungsumfang der GKV und steht allen PKV-Versicherten und allen freiwillig Versicherten der GKV offen. Risikozuschläge oder Leistungsausschlüsse dürfen nicht erfolgen. Da die meisten privaten Kran­ken­ver­siche­rungsunternehmen mit psychisch Kranken keine Verträge abschließen – nach einer aktuellen Umfrage der BPtK sind 40 von 47 Versicherungsunternehmen dazu nicht bereit –, kann solch ein Basistarif ein Schritt sein, diese Ungleichbehandlung abzubauen. Andererseits werden zurzeit Beitragserhöhungen für PKV-Einsteiger von bis zu 36 Prozent befürchtet. Psychisch Kranken ist auch nur dann geholfen, wenn die Prämien bezahlbar bleiben.
Bei der ambulanten Vergütung sieht die Gesundheitsreform Änderungen vor. Das Vergütungssystem soll vereinfacht und entbürokratisiert werden, weshalb Pauschalvergütungen „in überschaubarer Zahl“ kombiniert „mit wenigen überschaubaren Einzelleistungsvergütungen“ vorgesehen sind. Abgeschafft werden sollen Budgetierung und floatende Punktwerte zugunsten einer Gebührenordung mit festen Preisen in Euro. Für zeitgebundene psychotherapeutische Leistungen, aber auch für nicht genehmigungspflichtige Leistungen seien Pauschalvergütungen jedoch nicht sinnvoll, erklärt die BPtK und fordert deshalb weiterhin die Vergütung als Einzelleistung. Bei der Umstellung auf eine Gebührenordnung in Euro müsse darauf geachtet werden, dass die bisherigen gesetzlichen Bestimmungen für eine angemessene – das heißt eine am Einkommen vergleichbarer Arztgruppen orientierte – Honorierung übertragen werden.
Kompensation durch gestützte Punktwerte entfällt
Konkret müsse Folgendes beachtet werden, erklärt Diplompsychologe Dieter Best, Mitglied im Arbeitsausschuss des Bewertungsauschusses der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und in der Ver­tre­ter­ver­samm­lung der KBV: Bei der Kalkulation der psychotherapeutischen Leistungen müssten Praxiskosten zugrunde gelegt werden, die mit den diversen Urteilen des Bundessozialgerichts übereinstimmten (rund 45 000 Euro bei Vollauslastung) und nicht die Praxiskosten, die immer noch dem Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) zugrunde liegen, also rund 25 000 Euro. Auf dieser „falschen Grundlage“ seien die Punktzahlen für Psychotherapie berechnet worden, also 1 495 Punkte für eine 50-minütige Psychotherapiesitzung. „Würden diese Punktzahlen direkt in eine Euro-Gebührenordnung umgesetzt, würden viel zu geringe Honorare resultieren“, warnt Best, „denn eine Kompensation der zu niedrigen Punktzahlen durch gestützte Punktwerte wäre nicht mehr möglich, weil es Punktwerte ja nicht mehr geben soll.“
Die KBV arbeitet zurzeit an einem Honorarkonzept, das erneut bei der nächsten Ver­tre­ter­ver­samm­lung Ende dieses Monats beraten wird. Auch der Gesetzentwurf zur Gesundheitsreform wird voraussichtlich im September vorgelegt. Petra Bühring

*Ausführlichere Informationen zu diesem und anderen Beispielen sind im Internet zu finden unter www.bptk.de, Rubrik Psychotherapie: „Neue Versorgungsformen“
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