ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2006Kassenärztliche Bedarfsplanung: Bessere Aussichten für Frauen- und Nervenärzte

POLITIK

Kassenärztliche Bedarfsplanung: Bessere Aussichten für Frauen- und Nervenärzte

PP 5, Ausgabe September 2006, Seite 397

Kopetsch, Thomas

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LNSLNS Bereits 24 Planungsbereiche gelten als kritisch im Sinne einer drohenden Unterversorgung. Niedersachsen ist stark betroffen.

S eit Beginn des Jahres 2006 stellt sich die Versorgungssituation im Bereich der Bedarfsplanung wie folgt dar: Die Zahl der nicht gesperrten Planungsbereiche ist von 14 Prozent auf 13 Prozent zurückgegangen. Dabei hat sich bei zehn Arztgruppen die Zahl der offenen Planungsbereiche verringert, bei vier (Vorjahr: eine) hingegen erhöht. Diese Arztgruppen sind die Chirurgen, Kinderärzte, Psychotherapeuten und Urologen.
Die Entwicklung bei den Hausärzten zeigt ein uneinheitliches Bild. Einerseits hat sich zwar der Anteil der nicht gesperrten Planungsbereiche von 63 Prozent auf 62 Prozent vermindert. Damit stehen 243 von 395 Planungsbereichen für die hausärztlichen Niederlassungen offen, wenngleich die Zahl der Niederlassungsmöglichkeiten insgesamt von 2 504 auf 2 217 gesunken ist. In den neuen Bundesländern sieht der Trend anders aus. Hier gibt es jetzt 759 Niederlassungsmöglichkeiten gegenüber 737 im Jahre 2005.
Andererseits hat die Zahl der Planungsbereiche mit bedenklichem Versorgungsgrad zugenommen. Lag im Jahr 2005 nur in 20 Planungsbereichen der Versorgungsgrad unter 90 Prozent, so erhöhte sich diese Zahl 2006 auf 24. Das Problem des „Hausärzteschwundes“ betrifft nicht nur die neuen Bundesländer, sondern zunehmend auch die alten. Von den genannten 24 Planungsbereichen mit kritischem Versorgungsgrad befinden sich zehn in den alten Bundesländern. Niedersachsen ist hier mit acht kritischen Planungsbereichen besonders stark betroffen.
Zugleich gibt es in den neuen Bundesländern kaum noch überversorgte Planungsbereiche. So ist in Mecklenburg-Vorpommern nur noch die Hansestadt Rostock überversorgt, in Brandenburg der Planungsbereich Frankfurt (Oder) und in Sachsen-Anhalt die Stadt Halle. Das Problem des Hausärztemangels ist weniger ein Ost-West-Problem als eher ein Stadt-Land-Problem. Alle Planungsbereiche mit kritischem Versorgungsgrad sind ländliche Kreise – mit der Ausnahme von Dessau.
Bei der Betrachtung des hausärztlichen Versorgungsbereiches ist noch erwähnenswert, dass die Zahl der Allgemein-/Praktischen Ärzte um 0,6 Prozent zurückgegangen ist, die Zahl der Hausärzte allerdings nur um 0,2 Prozent. Dies ist dadurch bedingt, dass sich im Jahre 2005 viele Internisten, die vorher als Fachinternist tätig waren, für die Teilnahme an der hausärztlichen Versorgung entschieden haben.
Fazit der aktuellen Entwicklung: Es herrscht eine weitgehende Niederlassungsfreiheit für Hausärzte bei einer faktischen Niederlassungssperre für Fachärzte. Hier bilden lediglich die ärztlichen Psychotherapeuten eine Ausnahme, denn für sie gilt eine gesetzlich verankerte Mindestquote von 40 Prozent (§ 101 Abs. 4 SGB V). Daraus ergeben sich rechnerische Niederlassungsmöglichkeiten für 1 814 ärztliche Psychotherapeuten. Diese Zulassungsoptionen werden von den ärztlichen Psychotherapeuten auch genutzt, denn deren Zahl hat im letzten Jahr um 7,8 Prozent zugenommen. Bei allen anderen Arztgruppen (mit Ausnahme der Hautärzte) sind die Niederlassungsmöglichkeiten geringer geworden.
In den vergangenen Jahren hatten die Anästhesisten noch vergleichsweise gute Niederlassungsmöglichkeiten. Dies gehört inzwischen der Vergangenheit an. Die Zahl der offenen Planungsbereiche für diese Facharztgruppe ist in diesem Jahr nochmals drastisch gefallen; von 15 Prozent auf zehn Prozent. Im Jahr 2004 lag der Anteil noch bei 21 Prozent. Die Zulassungsmöglichkeiten der Augen- und Nervenärzte übersteigen mittlerweile die der Anästhesisten.
Erstmals seit Einführung der Bedarfsplanung in ihrer jetzigen Form im Jahre 1993 wurden im letzten Jahr von den Landesausschüssen der Ärzte und Krankenkassen für einzelne Planungsbereiche oder Teile von Planungsbereichen Unterversorgung beziehungsweise drohende Unterversorgung festgestellt. In insgesamt sieben Bundesländern wurden solche Feststellungen getroffen, wobei in erster Linie die Hausärzte betroffen waren. Allerdings wurden Feststellungen über bestehende oder drohende Unterversorgung auch für die Gruppe der Augenärzte, Radiologen, Fachinternisten, Nervenärzte, Orthopäden, HNO-Ärzte und Hautärzte getroffen.
Aufgrund der Altersstruktur der einzelnen Facharztgruppen lässt sich abschätzen, bei welchen Fachgebieten in nächster Zeit mit verstärkten Abgängen zu rechnen ist und sich demzufolge Niederlassungsmöglichkeiten für Nachwuchsmediziner ergeben. Anhand der Tabelle 2 ist erkennbar, dass in den alten Bundesländern die Altersstruktur der Frauenärzte – gemessen am Anteil der über 59-Jährigen – recht ungünstig ist und demzufolge in den nächsten Jahren viele Abgänge zu erwarten sind. In den neuen Bundesländern kann neben der Altersstruktur der Hausärzte auch die der Nervenärzte (einschließlich der Neurologen und Psychiater) als recht ungünstig bezeichnet werden. Das bedeutet, dass sich für diese Arztgruppen in der nächsten Zeit viele Niederlassungsmöglichkeiten ergeben werden.
An den Bedarfsplanungs-Richtlinien wurden im Jahre 2005 nur wenige Änderungen vorgenommen. Neu geregelt ist das Verfahren bei der Auswahl unter mehreren Bewerbern um einen nach partieller Entsperrung eines Planungsbereiches zu besetzenden Vertragsarztsitz. Die alte Festlegung, dass über die Anträge allein nach Maßgabe der Reihenfolge ihres Einganges beim Zulassungsausschuss zu entscheiden ist, wurde vom Bundessozialgericht kritisiert. Das Gericht forderte den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss auf, eine andere Verfahrensgestaltung zu entwickeln.
Nunmehr ist der Beschluss des Landesausschusses in den für amtliche Bekanntmachungen der Kassenärztlichen Vereinigungen vorgesehenen Blättern unter Angabe der Entscheidungskriterien und der Frist der Einreichung der Zulassungsanträge zu veröffentlichen. Unter mehreren Bewerbern entscheidet der Zulassungsausschuss unter Berücksichtigung folgender Kriterien: berufliche Eignung, Dauer der bisherigen ärztlichen Tätigkeit, Approbationsalter sowie Wartelistenplatz. Bei der Auswahl unter mehreren geeigneten Bewerbern soll die räumliche Wahl des Vertragsarztsitzes und ihre Beurteilung in Hinblick auf die bestmögliche Versorgung der Versicherten berücksichtigt werden.
Eine weitere Änderung der Bedarfsplanungs-Richtlinien bestand darin, dass die Leistungsbeschränkungen, die bei qualitativen Sonderbedarfszulassungen ausgesprochen werden, nun nicht mehr nach fünf Jahren enden, sondern so lange weiterbestehen, wie der Planungsbereich für die einschlägige Arztgruppe gesperrt ist. Dr. rer. pol. Thomas Kopetsch
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