ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2006Von schräg unten: Mülltrennung

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Mülltrennung

Böhmeke, Thomas

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Alle paar Jahre verdoppelt sich unser medizinisches Wissen. Da aber die körpereigene Speicherplatte zwischen dem Auris dexter und sinister, also meinem rechten und linken Ohr, stark begrenzt ist, bedarf es einer ausgefeilten Datenverarbeitung, die hereinprasselnden Informationsfluten schadlos zu verdauen. Ich weiß nicht, welchem Datenverarbeitungssystem Sie vertrauen, darf Ihnen aber unter dem Siegel der Verschwiegenheit gestehen, dass ich die bestechenden Vorzüge des Mülltrennungssystems für mich entdeckt habe.
Unmengen von Briefen
Ich betrete die Praxis und muss mich zunächst durch Unmengen von Briefen kämpfen: Es wird vor Nebenwirkungen eines brandneuen Rheumamedikamentes gewarnt. Dies ist ein klarer Fall für die Altpapierverwertung, da dieses Präparat viel zu teuer war, als dass ich es bei meinem hypoplastischen Budget je hätte verschreiben können. Nächster Brief. Das Amt für Arbeitsschutz macht darauf aufmerksam, dass während der Dienstzeit nur mit Schuhen getreten werden darf, die mittels eines Riemens effektiv vor dem dorsalen Hinausgleiten schützen. Dies ist ein typischer Kasus für die Altkleidersammlung, da wir niedergelassenen Ärzte aufgrund des Honorarverfalls sowieso keine Angestellten mehr beschäftigen können.
Papier beiseite. Ein Patient sitzt vor mir und möchte ein neues Naturheilmedikament verschrieben bekommen, das sämtliche Gebrechen heilt und erstaunlicherweise ohne jegliche Wirkung, pardon Nebenwirkung auskommt: „Sehen Sie nur! Lesen Sie sich diesen Artikel aus meiner Frauenzeitschrift durch!“ Hier ist die Zuordnung außerordentlich trivial, gehört die gepriesene Substanz doch eindeutig in den Biomüll. „Herr Doktor, wenn Sie wirklich ein guter Arzt sind, müssen Sie mir das verschreiben! Und die Kasse soll es bezahlen!“ Für derartige Wünsche habe ich eine Unterabteilung des Sondermülls eingerichtet, und zwar die der toxischen Abfallstoffe, die schwere Regresserkrankungen hervorrufen. Da ich aber immer um Vermittlung bemüht bin, werde ich einen entsprechenden Antrag zur Kostenübernahme bei der Krankenkasse vorbereiten; bin mir jedoch sehr sicher, dass der Antrag dort seinen Weg in den Hausmüll finden wird. Wofür sie denn das Präparat brauche, möchte ich wissen, damit ich eine überzeugende Begründung formulieren kann. „Ach, Herr Doktor, ich habe seit heute Morgen so starke Bauchschmerzen . . .“ Was mich zwischen all dem Brief- und Wortmüll veranlasst, in meinen sonstigen Datenbergen nachzuschauen: „ . . . sonographisch fünf Zentimeter großes infrarenales Bauchaortenaneurysma . . .“!
Geht es Ihnen auch so? Manchmal sieht man die Diagnose vor lauter Müll nicht mehr.
Dr. med. Thomas Böhmeke führt eine Praxis
für Allgemeinmedizin in Herten.
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