ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2006Das „richtige“ Arbeitszeitmodell: Eine Frage der Präferenzen

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Das „richtige“ Arbeitszeitmodell: Eine Frage der Präferenzen

Wiemer, Markus

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Nicht erst seit den Ärztestreiks wird über die Arbeitsbedingungen der Klinikärzte diskutiert. Foto: Peter Wirtz
Nicht erst seit den Ärztestreiks wird über die Arbeitsbedingungen der Klinikärzte diskutiert. Foto: Peter Wirtz
Das Schwelmer Schichtdienstmodell bietet den Ärzten mehr Lebensqualität bei jedoch geringerem Einkommen.

Die Umsetzung des EU-Arbeitszeitgesetzes in mitarbeiterfreundliche Dienstmodelle ist dennoch in vielen Kliniken noch nicht vollzogen. Da jedes Krankenhaus unterschiedliche Strukturen aufweist, gibt es auch viele unterschiedliche Varianten, die den gesetzlichen Arbeitszeitvorgaben entsprechen – und vor allem auch für die Mitarbeiter akzeptable Bedingungen bietet. Im Helios-Klinikum Schwelm gibt es eine seit mehreren Jahren erprobte Lösung.
Das Helios-Klinikum Schwelm ist ein Krankenhaus der Regelversorgung mit einem Einzugsgebiet von 150 000 Menschen. Die 405 Betten verteilen sich auf die Fachrichtungen Innere Medizin, Allgemeine Chirurgie, Unfallchirurgie, Urologie, Pädiatrie, Geriatrie, Gynäkologie und Geburtshilfe. Außerdem ist eine Belegabteilung für HNO integriert. Das Haus betreibt ein eigenständiges Institut für diagnostische und interventionelle Radiologie, eine Klinik für Anästhesiologie und ein eigenes Labor.
Das Beispiel für ein praxistaugliches Schichtdienstmodell ist die Innere Klinik des Hauses. Sie ist mit 124 Betten die größte Abteilung und wird durch ein Kollegialsystem zweier gleichberechtigter Chefärzte geleitet. In dieser Abteilung ist ein arbeitszeitgesetzkonformes Schichtdienstmodell bereits seit 1998 etabliert. Das Schichtmodell der Abteilung gilt für zwei Chefärzte, drei Oberärzte sowie 16,5 Assistenzarztstellen.
Kern ist das Dreischichtmodell auf der Intensivstation, wobei der nachtdiensthabende Arzt zusätzlich noch die Betten der Normalstation und die Notaufnahme mitbetreut. Für die Nachmittags- und Abendstunden gibt es einen „Hausspätdienst“. Am Wochenende wird in zwei Schichten à 12,5 Stunden gearbeitet, mit einer Pause von einer Stunde. Für diese überlangen Schichten, die keinen Bereitschaftsdienst enthalten, existiert eine Ausnahmegenehmigung des Amts für Arbeitsschutz.
Besetzt werden alle Schichten mit Ausnahme der Tagdienste am Wochenende von fünf Ärzten, die im Rotationsprinzip der Intensivstation zugeteilt sind. Das bedeutet, dass die Kollegen der Normalstation mit Ausnahme von Tagdiensten am Wochenende keinen Dienst haben.
Ein weiterer wichtiger Aspekt des Modells ist die Einführung einer Halbjahresarbeitszeit für die Abteilung. Geleistete Mehrarbeitsstunden, beispielsweise wegen Wochenenddiensten, werden nicht unmittelbar abgegolten, sondern kumuliert und können dann „am Stück“ – überwiegend weit im Voraus planbar – abgefeiert werden. Hierin liegt der entscheidende Vorteil des Systems: Es gewährt deutlich mehr Freizeit; durch die Kumulation und Planbarkeit wird diese auch tatsächlich nutzbar. Zudem entfallen durch die Umsetzung in diesem Modell auch die ungeliebten 24-Stunden-Schichten.
Erläuterung zur Tabelle: Arzt 1–5: Arzt der Intensivstation, Arzt N1–4: Arzt der Normalstation. Schichtzeiten:Wochentags früh 7:30-15:30, spät 15:00–22:30, Nacht 22:00–8:15,Wochenendtag 8:00–20:30 Uhr
Erläuterung zur Tabelle: Arzt 1–5: Arzt der Intensivstation, Arzt N1–4: Arzt der Normalstation. Schichtzeiten:Wochentags früh 7:30-15:30, spät 15:00–22:30, Nacht 22:00–8:15,Wochenendtag 8:00–20:30 Uhr
Damit wurde in Schwelm eine gesetzeskonforme Regelung getroffen, die sich auch tatsächlich in der Praxis beweist. Unproblematisch ist das Modell auch in der Weiterbildung, bei der durch die Schichten kein Zeitverzug in der Abarbeitung von Weiterbildungskatalogen entsteht.
Das System hat allerdings einen Nachteil: Im Vergleich zu Abteilungen mit Bereitschaftsdienst ist der Verdienst zum Teil deutlich geringer, weil die Wochenend- und Nachtdienstzuschläge eher gering sind. Zudem fällt der Zusatzverdienst durch Bereitschaftsdienste in diesem Modell weg. Der Verdienst liegt deshalb nur geringfügig über dem jeweiligen Grundgehalt. Denn für viele Ärzte lohnten sich die langen Bereitschaftsdienste vor allem aus finanzieller Sicht. So können bei einem beispielhaften Assistenzarzt-Bruttogehalt (inklusiv der Nacht- und Wochenendzuschläge) von rund 4 000 Euro brutto monatlich in Abteilungen mit Bereitschaftsdiensten 800 bis 1 000 Euro brutto monatlich hinzukommen.
Das Schwelmer System bietet eine deutlich bessere Lebensqualität: Die Freizeit wird besser planbar bei allerdings geringerem Einkommen als in herkömmlichen Modellen mit Bereitschaftsdienst.
Markus Wiemer
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