ArchivDeutsches Ärzteblatt8/1996Epidemiologie der Skelett- und Urogenitaltuberkulose in Deutschland

MEDIZIN: Kurzberichte

Epidemiologie der Skelett- und Urogenitaltuberkulose in Deutschland

Walpert, Jürgen; Brühl, Peter

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Vor etwa drei Jahren deklarierte die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) in Genf die Tuberkulose zum "globalen Notfall". Weltweit sind etwa 60 Millionen Menschen an Tuberkulose erkrankt, und jährlich kommen 10 Millionen Neuerkrankte hinzu. Es steht zu befürchten, daß in diesem Jahrzehnt 30 Millionen Menschen an Tuberkulose versterben werden. 95 Prozent aller Tuberkulosefälle treten in Ländern der Dritten Welt auf.
Aus den USA und verschiedenen Ländern Europas wird seit Mitte der achtziger Jahre eine auffällige Zunahme der Neuerkrankungen an Tuberkulose gemeldet. Als wichtigste soziologisch-epidemiologische Gründe werden hierfür unter anderem eine zunehmende Immigration aus Ländern mit hoher Tuberkuloseprävalenz, steigende Drogen- und Alkoholabhängigkeit, Immunschwäche und die zunehmende Lebenserwartung der Population angeführt (2).
Vor dem Hintergrund des WHO-Reports "Weltweit grassierende Tuberkuloseepidemie gerät außer Kontrolle" und der journalistischen Wiedergabe in Deutschland: "Tbc schlägt wieder zu, alte Seuche fordert wieder neue Opfer" interessierte die aktuelle tatsächliche Situation in unserem Land.
In Deutschland ist entsprechend den vorliegenden epidemiologischen Daten eine Zunahme der Tuberkulose nicht zu erkennen. Die Inzidenz der pulmonalen Tuberkulose betrug 1985: 23,8/100 000, 1989: 17,5/100 000 Einwohner und 1994: 13,6/100 000 Einwohner (1, 3, 4). Hinsichtlich der Epidemiologie der extrapulmonalen Tuberkulose in Deutschland liegen keine aktuellen Trendinformationen vor. Hier erscheint der Anteil der Knochen- und Gelenktuberkulose (KGT) sowie der Urogenitaltuberkulose (UGT) von besonderem Interesse: Diese Manifestationen bewirken eine Functio laesa, die neben der gebotenen antituberkulotischen Chemotherapie im Akutstadium operativ entlastende Maßnahmen erforderlich macht. Darüber hinaus können wegen der entzündungsbedingten Spätfolgen im weiteren Verlauf zusätzlich rekonstruktive Eingriffe am betroffenen Organsystem notwendig werden. Die Urogenitaltuberkulose (UGT) und Knochen- und Gelenktuberkulose (KGT) sind in Deutschland neben der Tuberkulose der peripheren Lymphknoten die beiden häufigsten extrapulmonalen Organmanifestationen (Grafik 1). Da die Primärinfektion zunehmend in einem höheren Lebensalter auftritt, verschiebt sich infolge der mehrjährigen Latenzzeiten auch der Erkrankungsgipfel der (postprimären) Sekundärmanifestationen; so liegt er sowohl für die UGT als auch für die KGT im Jahr 1994 im sechsten bis siebten Lebensjahrzehnt (Grafik 2). Für die UGT ist seit der zweiten Hälfte der achtziger Jahre eine im Vergleich zu den Vorjahren insgesamt geringere Abnahmetendenz in den jährlichen Neuerkrankungszahlen zu verzeichnen; bei der KGT sind die jährlichen Neuerkrankungszahlen seit 1986 nahezu gleichgeblieben (Grafik 3 und 4). Die Neuerkrankungszahlen an UGT und KGT stiegen 1991 beziehungsweise 1992 nur geringfügig und vorübergehend an, von einer echten Zunahme kann keine Rede sein; zudem werden seit 1991 auch die epidemiologischen Daten der neuen Bundesländer in die Gesamtstatistik mit einbezogen. Ein deutliches Überwiegen des männlichen Geschlechts, wie bei der pulmonalen Verlaufsform, ist nicht erkennbar; tatsächlich erkranken beide Geschlechter etwa gleich häufig an einer der beiden Organmanifestationen (3, 4, 5). Der Anteil ausländischer Patienten an der UGT ist seit den siebziger Jahren mit etwa 13 Prozent nahezu konstant geblieben; er stieg seit Beginn der neunziger Jahre auf 18 Prozent im Jahr 1994 (Grafik 5). Bei der KGT ist es seither zu einem deutlicheren Anstieg gekommen. Nach einem Tiefstand 1986 hat sich hier der prozentuale Anteil dieser Patientengruppe mehr als verdreifacht. Im Jahre 1994 waren immerhin mehr als ein Drittel aller an KGT Erkrankten Ausländer. Der Anteil derjenigen, die aus den sogenannten Entwicklungsländern stammen und in ihrem Herkunftsland einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt waren, wird hierbei bestimmend sein. Hier ist auch die höhere Primärresistenz gegenüber den gängigsten Antituberkulotika zu bedenken. Auffallend ist bei beiden Verlaufsformen, daß im Vergleich zum deutschen Patientenkollektiv Angehörige jüngerer
Altersgruppen wesentlich häufiger erkranken (Grafik 2). Bei AIDS-Erkrankten können
extrapulmonale Manifestationen beobachtet werden. Hier ist ursächlich weniger eine Erstinfektion als die Reaktivierung eines latenten und klinisch inapparenten Herds zu diskutieren. Ihre epidemiologische Bedeutung ist insgesamt eher gering und in einer Gesamtstatistik nicht erfaßt. Obwohl bundesweit eine Zunahme der pulmonalen und extrapulmonalen Tuberkulose nicht festzustellen ist, bestehen doch regionale Unterschiede in der Prävalenz. Besonders betroffen sind Städte und Regionen mit hohem Zuwanderungsanteil aus Entwicklungsländern, der ehemaligen UdSSR und Jugoslawien, deren medizinische Infrastruktur und Seuchenhygiene infolge der gesamtpolitischen Entwicklung zusammengebrochen ist. Daher ist in Deutschland von seiten der Ärzte und Gesundheitsbehörden unbedingt Wachsamkeit geboten.

Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1996; 93: A-469–470
[Heft 8]


Literatur
1. Brühl P, Walpert J: Aktuelle Epidemiologie, Diagnostik und Therapie der Urogenitaltuberkulose. DMW 1994; 119: 1121–1125
2. Kaufmann SHE: Die multiresistente Tuberkulose. Die gelben Hefte 1994; 56: 56–66
3. Statistisches Bundesamt: Tuberkulose 1975–1993. In: Gesundheitswesen Fachserie 12, Reihe 2.2 (Kohlhammer: Wiesbaden 1994)
4. Statistisches Bundesamt: Tuberkulose 1994. Wiesbaden 1995
5. Walpert J, von Deimling U, Fliedner M, Schmitt O: Skelettuberkulose – aktuelle Entwicklung und Ergebnisse einer Nachuntersuchung von 1970 bis 1994. Orthop Praxis 1995; 31: 266–270


Anschrift der Verfasser:
Prof. Dr. med. Peter Brühl
Kinderurologie
Urologische Universitätsklinik und Poliklinik Bonn
Dr. med. Jürgen Walpert
Orthopädische Universitätsklinik und Poliklinik Bonn
Sigmund-Freud-Straße 25
53105 Bonn

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote