ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2006Inhalatives Insulin: Diabetiker können jetzt „einatmen“

PHARMA

Inhalatives Insulin: Diabetiker können jetzt „einatmen“

Leinmüller, Renate

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Ziemlich genau 80 Jahre nach den ersten Versuchen einer inhalativen Insulintherapie wird diese Idee jetzt Realität: Seit dem 15. Mai steht mit Exubera® ein kurzwirksames Präparat zur Verfügung, das den Blutzucker bei prandialer Applikation ebenso effektiv senkt wie subkutan appliziertes Insulin. Wie Prof. Andreas Pfützner (Mainz) in Frankfurt/Main erläuterte, erfolgt die Anflutung so schnell wie bei Insulin-Analoga; die Wirkdauer ist vergleichbar dem Normalinsulin. Das Präparat ist an etwa 3 500 Patienten bis zu sieben Jahre lang angewandt worden, die mittlere Beobachtungsdauer liegt nach Angaben von Prof. Joachim Lorenz (Lüdenscheid) bei 3,5 Jahren.
Die Inhalationsform ist zugelassen für Typ-2-Diabetiker, die mit oralen Antidiabetika nicht zufriedenstellend eingestellt sind, außerdem für Typ-1-Diabetiker zusätzlich zum Basalinsulin. Kontraindiziert ist das Präparat bei Rauchern, hier besteht durch die Inkonstanz in der Adsorption eine erhöhte Gefahr von Hypoglykämien. Ausgeschlossen von der Behandlung sind aufgrund der begrenzten Datenlage Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre sowie Patienten mit instabilem, schlecht kontrollierbarem und schwerem Asthma und Diabetiker mit schwerer COPD (Gold-Stadium III–IV).
In kontrollierten klinischen Studien ist bei Typ-2-Diabetikern eine vergleichbare Wirkung wie bei der konservativen s.c.-Insulintherapie nachgewiesen, wenn die prandiale Inhalation zusätzlich zu oralen Antidiabetika erfolgte. Der HbA1c-Wert sinkt nach Aussage Pfützners wie bei subkutaner Gabe – und das auch langfristig, wie die 2-Jahres-Daten belegen. Die Verträglichkeit und Sicherheit stufte der Referent als vergleichbar der konservativen Insulintherapie ein. Eine etwas höhere Antikörper-Bildung in den ersten sechs bis zwölf Monaten habe keine klinische Relevanz.
Unter der inhalativen Insulintherapie kommt es nach Angaben von Lorenz zu einem leichten, nicht progredienten und bei Absetzen reversiblen Abfall der 1-Sekunden-Kapazität (FEV1 – zwei bis drei Prozent); auch die Diffusionskapazität zeigte einen leichten, reversiblen Abfall (vergleichbar der subkutanen Insulingabe). Deshalb müsse vor und sechs Monate nach Beginn der Behandlung ein Lungenfunktionstest vorgenommen werden, erklärte der Referent.
Amorphes Insulinpulver
Als häufigste unerwünschte Begleitwirkung tritt in 21 Prozent der Fälle Husten auf, gefolgt von respiratorischen Störungen (5,1 Prozent) und Dyspnoe. Ein Abbruch aufgrund des Hustens war in einem Prozent, aufgrund von Dyspnoe in 0,4 Prozent der Fälle erfolgt.
Da Insulin ein Wachstumsfaktor ist, wurde in den Studien das Lungengewebe mit hochauflösendem CT nach sechs- und 24-monatiger Therapie bei 116 beziehungsweise 144 Patienten überprüft. Dabei ergaben sich keine Hinweise für das Auftreten interstitieller Lungenerkrankungen, sagte der Pneumologe. Aufgrund der begrenzten Beobachtungsdauer sei ein endgültiges Urteil noch nicht möglich, die Daten soweit jedoch beruhigend.
Möglich wurde die Inhalation durch das amorphe Insulinpulver, das – in eine Matrix eingebunden – in einer Partikelgröße von 2 µm bis 4 µm die richtige Größe aufweist, um die Lungenalveolen zu erreichen.
Das Präparat entstand in Zusammenarbeit von Pfizer, Sanofi-Aventis und der Biotechnologie-Firma Nektar Therapeutics. Der weltweite Bedarf des gentechnologisch hergestellten Insulins wird in Frankfurt/ Main und Terra Haute/USA produziert. Die Blister, die 1 mg beziehungsweise 3 mg Insulin human enthalten, sind bei Zimmertemperatur zwei Jahre haltbar.
Dr. rer. nat. Renate Leinmüller

Einführungspressekonferenz „Exubera®“, Inhalatives Insulin – Neue Perspektiven in der Insulintherapie“ in Frankfurt/Main, Veranstalter: Pfizer

Anmerkung der Redaktion: Nach dem Rapid Report des Institutes für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) gibt es derzeit keine Belege dafür, dass inhalatives Insulin die Behandlungs- und Therapiezufriedenheit der Patienten verbessert. Erst weitere Studien sollen entscheiden, ob Exubera in Deutschland in die Regelversorgung aufgenommen wird (DÄ, Heft 12/2006, Aktuell).
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema