ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2006Interdisziplinäre Fortbildung: Lernen von „Emergency Room“

POLITIK

Interdisziplinäre Fortbildung: Lernen von „Emergency Room“

Dtsch Arztebl 2006; 103(37): A-2350 / B-2042 / C-1964

Krüger-Brand, Heike E.

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LNSLNS Medizinische, ethische und rechtliche Aspekte ausgewählter
Fälle der Fernsehserie in der Diskussion

Die US-amerikanische Krankenhausserie „Emergency Room“ (ER) zählt nicht nur in den USA seit 1994 zu den erfolgreichsten Fernsehserien überhaupt, sondern hat seit langem auch in Deutschland eine große Fangemeinde – nicht zuletzt unter Ärzten und Pflegekräften. Lässt sich eine solche Serie auch gezielt zur interdisziplinären Fortbildung für Ärzte, Pflegepersonal und andere Krankenhausmitarbeiter nutzen? Die Probe aufs Exempel machte kürzlich das Zentrum für Ethik in der Medizin am Markus-Krankenhaus Frankfurt/Main. Als Grundlage einer Fortbildungsveranstaltung präsentierte es mehrere „Fälle“ aus verschiedenen ER-Folgen, in denen das TV-Personal in der Notaufnahme mit komplexen medizinischen, ethischen und rechtlichen Konfliktsituationen konfrontiert wird.
Im Unterschied zu vielen anderen Krankenhausserien steht bei ER die Medizin im Vordergrund: „ER zeichnet sich durch eine hervorragende medizinische Recherche und Fachberatung aus“, betonte Prof. Dr. med. Klaus Zischler, Frankfurt/Main, in seiner Einführung. Auf die realistische Darstellung von Krankheitsbildern, Diagnostik und Medikation wird erhebliche Sorgfalt verwendet. „Alle Schauspieler müssen medizinische Fachtermini beherrschen und werden an medizintechnischen Geräten trainiert.“ Um eine möglichst große Authentizität zu erreichen, werden die Fachtermini auch ohne Rücksicht auf das Publikum verwendet. Zwar unterscheiden sich das US-amerikanische und das deutsche Gesundheitswesen in der Notfallmedizin. So werden in den USA sowohl die Erstversorgung durch gut ausgebildete Rettungssanitäter als auch die Krankenhausbehandlung nach strengen Algorithmen durchgeführt, vor allem, um hohen Schadenersatzklagen bei Verstößen vorzubeugen – anders als in Deutschland, wo die leitlinienorientierte Behandlung viel Spielraum für individuelle Lösungen bietet und juristische Probleme nicht eine so hohe Tragweite wie in den USA haben.
Problem Patientenverfügung
Dennoch eignen sich viele Szenen, um Spannungsfelder in der Begegnung zwischen Arzt, Pflegepersonal, Patient und Angehörigen zu verdeutlichen und als Ausgangspunkt für eine Diskussion zu nutzen. Dazu zählt beispielsweise der Umgang mit Patientenverfügungen und der Schweigepflicht. In einem der präsentierten Fallbeispiele geht es um die Vorausverfügung (DNR, „Do-Not-Resuscitate“) einer Patientin: Eine 50-jährige Patientin wird in kritischem Zustand eingeliefert. Die Frau, eine herzkranke Alkoholikerin mit Leberzirrhose und akutem Lungenversagen, hat eine Nichtwiederbelebungsanweisung bei sich. Die Ärztin unterbricht daraufhin die Notfallversorgung und befragt kurz die Patientin. Diese bestätigt, dass sie nicht intubiert und beatmet werden will. Die Tochter der Frau, die zwischenzeitlich verständigt wurde und die erst nicht ins Krankenhaus kommen will, erscheint schließlich doch. Im Verlauf wird deutlich, dass zwischen Mutter und der Tochter Konflikte bestehen. Die Tochter will nichts unternehmen, damit ihre Mutter die DNR-Order zurückzieht. Bei einer plötzlichen Zustandsverschlechterung der Mutter ändert sie jedoch ihre Meinung und verlangt, dass die Ärzte alles tun, um ihre Mutter wiederzubeleben. Die verantwortliche Ärztin weigert sich jedoch, und die Patientin stirbt.
„Wie verbindlich ist die Patientenverfügung?“, fragte Prof. Dr. jur. Gabriele Wolfslast, Gießen. „Ist eine mündliche Verweigerung ausreichend? Könnte die Tochter die Verbindlichkeit der Anweisung ihrer Mutter außer Kraft setzen?“ Hinzu kommt das Dilemma des Arztes: Wenn er den Willen der Patientin respektiert und keine lebensverlängernden Maßnahmen einleitet, muss er dann Konsequenzen vonseiten der Tochter befürchten, etwa eine Anklage wegen Totschlags durch Unterlassen? Hält sich der Arzt dagegen nicht an die Vorausverfügung und die Patientin überlebt, könnte diese den Arzt wegen Körperverletzung und Nötigung verklagen? In beiden Fällen würde der Arzt gegebenenfalls durch ein Ermittlungsverfahren belastet.
Eine Vorausverfügung kann außerdem durch eine aktuelle Einwilligung/Nichteinwilligung des Patienten jederzeit ersetzt werden. „Der Arzt muss daher herausfinden, was der Wille des Patienten ist. Er muss die Entscheidung des Patienten auf jeden Fall ernst nehmen und ihn sterben lassen, wenn dieser es will“, so Wolfslast. Anhaltspunkte dafür liefert die Kommunikation mit dem Patienten, sofern dieser ansprechbar und einsichtsfähig ist. Ist das nicht der Fall, empfiehlt die Expertin, den Patienten in einer Notsituation zunächst zu stabilisieren (auch wenn dies bereits lebensverlängernde Maßnahmen beinhaltet), um sich Klarheit zu verschaffen, wie die medizinische und rechtliche Situation ist.
Thema einer anderen Szene ist der Konflikt zwischen Schweigepflicht und Wahrheitspflicht: Zwei männliche Teenager, die bei einem von ihnen verursachten Unfall aus dem Auto geschleudert und schwer verletzt wurden, werden eingeliefert. Bei dem Unfall wurde außerdem ein Kind überfahren und getötet. Der eine Junge hat massive Schädelverletzungen und ist bewusstlos, er stirbt wenig später, der andere ist bei Bewusstsein und erzählt der diensthabenden Krankenschwester noch unter Schock, er sei den Unfallwagen gefahren. Nach überstandener Operation behauptet der Junge jedoch, sein Freund sei gefahren und habe den Unfall verursacht. Die Schwester, die zufällig mithört, ist darüber sehr bestürzt und bespricht mit einer nicht involvierten Kollegin den Fall. Zwischendurch begegnet sie noch der Mutter des vermeintlichen Unfallfahrers, die um ihren Sohn trauert und gleichzeitig diesem die Schuld für den schrecklichen Unfall geben muss.
Schweigepflicht
Wie soll die Schwester mit ihrer Information umgehen? Nach Ansicht von Dieter Roos, dem Leiter der Notfallseelsorge Frankfurt/Main, ist es nicht ihre Aufgabe, über die Selbstbezichtigung des Jungen zu urteilen. Inwieweit dessen Aussage in einer hoch emotionalen Situation unmittelbar nach dem Unfall juristisch verwertbar ist, sei ohnehin zweifelhaft. „Was wirklich geschehen ist, muss durch die Staatsanwaltschaft ermittelt werden. Die Schwester muss zur Schuldfrage nicht Stellung beziehen“, so Roos. Moralisch-ethisch war die Schwester die Bezugsperson für den Patienten. Aus juristischer Sicht war sie nicht befugt, ihre Schweigepflicht zu brechen. „Die Schweigepflicht ist ein extrem hohes Gut in unserer Rechtsprechung“, betonte Wolfslast. Sie bestehe auch gegenüber anderen schweigepflichtigen Personen (in diesem Fall auch gegenüber der Kollegin). In der Konfliktsituation könne sich die Schwester aber der Notfallseelsorge offenbaren. Strafverfolgungs- beziehungsweise zivilrechtliche Interessen seien zudem nicht höher zu bewerten als die Schweigepflicht. „Rechtlich ist die Schwester nicht verpflichtet, ihre Information weiterzugeben“, so Wolfslast.
Im Film sucht die Schwester nochmals das Gespräch mit dem Patienten, um ihn zu bewegen, die Wahrheit zu sagen, aber das Ende (und die Schuldfrage) bleibt für den Zuschauer offen. Fortsetzung folgt – auch für die zertifizierte Fortbildungsveranstaltung, denn Diskussionsstoff bieten die zwölf Staffeln à 22 Folgen der Serie noch reichlich (www.medizinethik-frankfurt.de/programm.htm).
Heike E. Krüger-Brand
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