ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2006Ärztinnen und Karriere: „Man darf nicht auf irgendetwas warten“

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Ärztinnen und Karriere: „Man darf nicht auf irgendetwas warten“

Rieser, Sabine

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Susanne Dettmer, Gabriele Kaczmarczyk, Astrid Bühren (Hrsg.): Karriereplanung für Ärztinnen, 308 Seiten, Springer Medizin Verlag, 19,95 Euro. Das Buch entstand in Kooperation mit der Bundesärztekammer und wurde gefördert aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.
Susanne Dettmer, Gabriele Kaczmarczyk, Astrid Bühren (Hrsg.): Karriereplanung für Ärztinnen, 308 Seiten, Springer Medizin Verlag, 19,95 Euro. Das Buch entstand in Kooperation mit der Bundes­ärzte­kammer und wurde gefördert aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.
Ärztinnen in leitender Position sind in Deutschland nach wie vor die Ausnahme.
Ein Handbuch verdeutlicht, woran das liegt und wie sich Hürden bewältigen lassen.

Was Ärztinnen brauchen, wenn sie beruflich erfolgreich sein wollen? Einiges, finden diejenigen, die es geschafft haben. „Man muss belastbar sein und darf keine Angst vor Verantwortung haben“, meint Dr. med. Martina Dombrowski, seit 2001 Chefärztin der Gynäkologie und Geburtshilfe in Berlin. „Man darf nicht auf irgendetwas warten“, sagt Prof. Dr. med. Claudia Spies, die 2005 als Anästhesiologin und Intensivmedizinerin auf eine W3/C4-Professur berufen wurde. Und Prof. Dr. med. Doris Henne-Bruns, erste Ordinaria für Chirurgie in Deutschland, rät: „Vereinbarkeitsprobleme von Beruf und Familie sollten die Frauen dann lösen, wenn sie wirklich anstehen, und nicht schon im Vorfeld sagen, sie wollen auf die berufliche Laufbahn verzichten.“
Die drei erfolgreichen Ärztinnen wurden, neben anderen, von der Sozialwissenschaftlerin Dr. phil. Susanne Dettmer für das Buch „Karriereplanung für Ärztinnen“ interviewt. Darin beschreiben Autorinnen die berufliche Situation von Frauen in der Medizin, analysieren häufige Karrierehindernisse, stellen erfolgreiche Ärztinnen an Universitäten, Kliniken und in der Niederlassung sowie in alternativen Berufsfeldern vor und geben praktische Hinweise.
Ihre zentrale Botschaft lautet: Ärztinnen sollten ihre Berufskarriere frühzeitig planen und sich nicht vorschnell entmutigen lassen. Hilfreich ist es, sich ein gesundes Selbstbewusstsein zuzulegen und am besten noch einen Partner zu wählen, der einen unterstützt. „Der Versuch, Karriere zu machen, heißt eigene Grenzen austesten und überschreiten, heißt persönliche Entwicklung und Selbsterfahrung“, schreibt Coach Dr. phil. Ulrike Ley. Doch wem der Weg zu steinig ist, der sollte dazu stehen: „Das Ziel ist Lebenszufriedenheit, und die ist höchst individuell“, findet Ley.
Die Analysen und Beispiele im Karriere-Handbuch belegen, dass es die Medizin Ärztinnen nach wie vor schwer macht, an die Spitze zu kommen. Zwar liegt ihr Anteil an den rund 400 000 Ärztinnen und Ärzten in Deutschland mittlerweile bei rund 40 Prozent. Doch nur zehn Prozent der leitenden Positionen in Krankenhäusern sind mit Ärztinnen besetzt. Eine C4- oder W3-Professur können nur vier Prozent aller Ärztinnen vorweisen.
„Die mangelnde Förderung durch männliche Vorgesetzte ist eines der Haupthindernisse für Frauenkarrieren in der Universitätsmedizin“, kritisiert Prof. Dr. med. Gabriele Kaczmarczyk, Koordinatorin des Studiengangs „Health and Society: International Gender-Studies“ an der Berliner Charité. „Die Frau ist in erster Linie für die Krankenversorgung zuständig, erntet dabei viel Lob, wird aber nicht für Forschung freigestellt oder in ihrer wissenschaftlichen Karriere bestärkt.“
„Viele Frauen absolvieren ihre Promotion mit viel Elan und scheitern anschließend an den wenig familienfreundlichen Strukturen. Diese Verschwendung von Kompetenz können wir uns nicht länger leisten“, findet Dr. med. Astrid Bühren, Vorstandsmitglied der Bundes­ärzte­kammer und Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes.
Im Handbuch wird differenziert beschrieben, durch welche Strukturen vor allem in Krankenhäusern Ärztinnen von einer Karriere oder der Kombination von Karriere und Mutterschaft abgehalten werden. Die Autorinnen merken aber an, dass auch viele Ärzte sich andere Arbeitsbedingungen wünschten. Sie schildern zudem anschaulich, mit welchen Vorurteilen Ärztinnen rechnen müssen und weshalb. „Man kann sich den Chefarzt für Urologie einfach nicht als Frau und schon gar nicht als Blondine vorstellen“, weiß Prof. Dr. med. Margit Maria Fisch, erste Chefärztin an einer Urologischen Klinik in Deutschland. Als sie sich um eine C4-Professur bewarb, wurde sie einmal gefragt, ob sie ein Problem mit Männern habe. Ihre Antwort: „Würden Sie diese Frage einem Mann stellen, der sich um den Lehrstuhl für Gynäkologie bewirbt?“
In „Karriereplanung für Ärztinnen“ wird aber auch deutlich, dass sich Frauen mit beruflichen Ambitionen selbst im Weg stehen können. Sie sind meist weniger überzeugt von sich als ihre Kollegen, misstrauen häufiger der Macht und zaudern deshalb stärker, sie anzustreben. Und sie lassen sich im Job leichter gegeneinander ausspielen. Denn, schreibt Ley: „Es existieren noch keine Spielregeln für den Umgang von Frauen untereinander, wie sie Männer seit Jahrhunderten haben.“
Sabine Rieser
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