ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2006National Library of Medicine: Ein Eldorado für Bibliophile

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National Library of Medicine: Ein Eldorado für Bibliophile

Gerste, Ronald D.

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Die National Library of Medicine: Sie liegt auf einer von Kirschbäumen umsäumten Anhöhe. Foto: Ronald D. Gerste
Die National Library of Medicine: Sie liegt auf einer von Kirschbäumen umsäumten Anhöhe. Foto: Ronald D. Gerste
Rund acht Millionen Objekte stehen dem Leser beziehungsweise Forscher in der größten medizinischen Bibliothek der Welt zur Verfügung.

Eine gute halbe Stunde mit der U-Bahn von der Innenstadt Washingtons, den Museen, Monumenten und Stätten der politischen Macht wie dem Weißen Haus und dem Capitol entfernt, liegt Bethesda. Der Ort ist zu einem der prosperierendsten Vororte der US-amerikanischen Hauptstadt geworden. Dazu hat die Wirtschaftskraft der dort lebenden und arbeitenden Mitarbeiter einer weltweit in dieser Größenordnung einmaligen Institution entscheidend beigetragen, der National Institutes of Health (NIH).
Die auf einem Campus – von dessen Umfang manche deutsche Universität nur träumen könnte – gelegenen Institute sind eine Kleinstadt für sich, mit Kindergärten, einer eigenen Feuerwehr, einer eigenen Polizei. Praktisch jede medizinische Fachrichtung ist dort vertreten, und der Umfang der Forschungsarbeiten sowie das Renommee zahlreicher Wissenschaftler (einige davon nobelpreisgekrönt oder händeringend auf diese Ehrung wartend) machen Bethesda zu einer unangefochtenen Welthauptstadt der Heilkunde.
Kern- und Glanzstück der NIH ist die National Library of Medicine (NLM). Auf einer von Kirschbäumen umsäumten Anhöhe gelegen, ist sie ein Eldorado für Bibliophile. Rund acht Millionen Objekte stehen dem Leser beziehungsweise Forscher in der größten medizinischen Bibliothek der Welt zur Verfügung, neben Literatur aus jedem erdenklichen Fachgebiet auch Videos, Manuskripte, Fotos und andere Informationsträger. Die Library publiziert seit mehr als hundert Jahren mit IndexMedicus ein weltweit benutztes bibliographisches Instrument, das mehr als 3 400 internationale Zeitschriften auswertet. Medline, der online-Katalog der Library (www.nlm.nih.gov), verzeichnet pro Jahr rund 250 Millionen Zugriffe.
Eine wahre Schatzkammer ist die medizinhistorische Sammlung, der man sich im History of Medicine Room nähern kann, auch sie ist – natürlich – die größte ihrer Art auf der Welt. Kaum ein Klassiker der letzten 500 Jahre Medizingeschichte, der nicht in lichtgeschützten Katakomben liegt: von Vesals „De humani corporis fabrica libri septum“ über Morgagnis „De sedibus et causis morborum“ bis hin zu jener kleinen Schrift des Paul Langerhans, in der er die Insel des Pankreas beschrieb. Im Foyer werden regelmäßig exzellente Ausstellungen zu historischen oder aktuellen Aspekten der Medizin veranstaltet; die gegenwärtige Exposition zur Entwicklung der Gerichtsmedizin „Visible Proofs“ (dazu DÄ, Heft 26/2006) ist ein Anziehungspunkt für Schulklassen im Großraum Washington.
Sowohl der medizinhistorische Teil als auch der Main Reading Room sind genau das: Lesesäle. Die National Library of Medicine ist eine Präsenzbibliothek. Im Lesesaal wartet darüber hinaus eine umfassende Freihandsammlung auf den Besucher, in der die wichtigsten Standardwerke aus jeder Fachrichtung zu finden sind, ferner liegen aktuelle Journale aus. Allerdings ist deren Zahl angesichts des Umfangs der Sammlung recht begrenzt, auch sprachlich (ausschließlich englisch).
Wie weit unsere Welt von einem idealen Zustand entfernt ist, erfährt vor allem der Besucher in Bethesda ganz deutlich. Der Campus der NIH und auch die Zufahrt zur Library haben nach dem 11. September 2001 den Charakter einer Festung angenommen. Die NLM kann man nur betreten, nachdem man eine an einen effektiven Airport erinnernde Sicherheitsüberprüfung über sich hat ergehen lassen.
Diese etwas bedrückende Atmosphäre findet ihre Fortsetzung, wenn man aus der National Library of Medicine kommend den Campus der National Institutes of Health wieder verlässt. Auf der anderen Seite des Rockville Pike erinnert ein in weißen Marmor errichtetes Hochhaus daran, dass sich in diesem Ort in Maryland die Medizin nicht auf die Institutes beschränkt. Es ist das National Naval Medical Center, das nicht nur für Angehörige der Marine, sondern für fast alle Präsidenten der letzten 50 Jahre die höchste medizinische Instanz gewesen ist. Dr. med. Ronald D. Gerste

Die National Library of Medicine am 8600 Rockville Pike in Bethesda, Maryland, ist zugänglich: montags bis freitags von 8.30 bis 17 Uhr, samstags von 8.30 bis 14 Uhr. Der History of Medicine Reading Room ist samstags geschlossen. Im Internet: www.nlm.nih.gov
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