ArchivDeutsches Ärzteblatt9/1997Hippokrates: Ein Schlitzohr?

SPEKTRUM: Leserbriefe

Hippokrates: Ein Schlitzohr?

Dinkel, Lothar

Gedanken zu den hippokratischen Wertvorstellungen
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LNSLNS Wo Schwüre und Beschwörungen, Gelübde und Eid blühen, bleibt echtem Ethos kein Gedeihen mehr. Ein gesundes Volk, ein gesunder Stand, sie bedürfen keiner solchen Stütze für den angeborenen Anstand. Der fast 2 500 Jahre ärztlich vergötterte "Ethos-Koloß von Kos", den wir sehr pauschal "Hippokrates" nennen, löst sich in nichts auf, wenn man weiß, daß es sich beim sogenannten Corpus Hippocraticum um zirka 60 ionisch-griechische Schriften ohne Titel, ohne Verfassernamen und ohne Zeitangaben handelt. Keine einzige läßt sich eindeutig Hippokrates selbst zuordnen, sehr unwahrscheinlich ist dies für den sogenannten "Eid", der keine züchtige, sondern eine züchtigende Berufsordnung des ärztlichen Familien-Clans der "Asklepiaden" war, einer vom religiös-asketischen Pythagoreismus angehauchten Sekte von Ärzten, "heilig und rein", die sich für direkte Nachkommen des Gottes Apoll und seines Bankerts Asklepios hielten. Der bei den Göttern im Tauschhandel gegen "ewigen Ruhm und Vorteil" beschworene Vertrag forderte vom jungen "AiP", einseitig für seinen Lehrer später finanziell uneingeschränkt zu haften, Arztsöhne (nicht Töchter!) kostenlos zu unterweisen und wie Brüder zu achten, Neulinge im Clan durch Eid zu binden, im übrigen aber sein ärztliches Können und Wissen streng geheim zu halten. Und wer von uns ließe sich heute einen Eid zumuten, "Pharmaka nicht zum Umbringen, sondern zum Heilen anzuwenden und bei Hausbesuchen sich wollüstiger Handlungen an den Leibern von Frauen und Männern, Freien und Sklaven zu enthalten"? Erhaben antik? Oder ein nackter Offenbarungseid einer fragwürdigen ärztlichen Bruderschaft? Bleibt also fürs hohe ärztliche Ethos nur noch der Vorsatz, "keimendes Leben nicht abzutreiben", wie phantasievolle Übersetzer verkünden. Im Urtext liest man nur schlicht: "Ich werde keiner Frau ein verderbliches Pessos geben." Kein Wort von keimend, schwanger oder Abortivum. Ein Pessos war ein Pflöckchen . . ., schon damals, wie unser heutiges Pessar auch, den lästigen Descensus uteri der Multipara steuernd, bestenfalls auch empfängnisverhütend, aber nicht abtreibend, wohl aber auf Dauer Ursache von Entzündung, Fistel, Sterilität, ähnlich dem im Eid verbotenen Blasensteinschneiden, das sich nur "Wanderärzte" leisten konnten. Gerade solches scheint aber auch für Hippokrates belegt, sogar eine Schädeltrepanation mit Todesfolge. Auch soll er unbekümmert Krankengeschichten mit Patientennamen veröffentlicht und Völkern, die er als Gefahr für die Griechen ansah, rundweg die Hilfe bei verheerenden Seuchen verweigert haben. Nil nocere! Die Abkehr vom hippokratischen Eid, nicht dessen gedankenlose Konservierung, hat dem Abendland seine gediegenen, in der Stille gewachsenen ärztlichen Wertvorstellungen ermöglicht.
Dr. med. Lothar Dinkel, Clußstraße 6, 74074 Heilbronn
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