ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2006Hochschulen: Verwirrt und enttäuscht
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LNSLNS Der Artikel ist groß aufgemacht und erweckt das Interesse schon über das Titelbild des Heftes. Der Eindruck wird suggeriert, hier liege nun das verbindliche, seriöse Ranking vor, mit dem Ausbildungserfolge verschiedener Fakultäten verglichen werden können. Liest man den Artikel, dann stellt sich Verwirrung und Enttäuschung ein. Die verwendeten Indikatoren sind – möglicherweise unvermeidlich – fehlerbehaftet, und die Korrekturvariablen wirken zum Teil geradezu grotesk.
1. Der Parameter „Gesamterfolgsrate“ setzt voraus, dass der Zu- und Abfluss von Studierenden in der Vorklinik über den Zeitraum von 1992 bis 2002 konstant geblieben ist. Das ist mit Sicherheit nicht überall der Fall, wodurch Verzerrungen auftreten müssen. Die TU München hat z. B. den vorklinischen Unterricht bereits vor mehreren Jahren vollständig abgegeben, trotzdem erscheint sie in dieser Statistik wie alle anderen Fakultäten.
2. Die Korrekturfaktoren mögen zwar interessante statistische Ergebnisse widerspiegeln, die aber sicherlich sehr diskussionsbedürftig sind. Hier geht es ja um ein Ranking, d. h., die Autoren wollen einen „fairen“ Vergleich zwischen den Fakultäten vornehmen. Die angeführten Korrekturvariablen klingen allesamt wie die Ausrede des Schülers, der seinen Eltern erzählt, „eigentlich wäre ich ja der Klassenbeste, aber wegen der und der unglücklichen Umstände bin ich leider durchgefallen“. Warum sollte einer Fakultät bei einem Ranking, das ja die Güte der Ausbildung widerspiegeln soll, die Einwohnerzahl der Stadt als Malus angerechnet werden? Soll die Konsequenz daraus sein, dass zukünftig Universitäten nur noch auf dem Lande gegründet werden dürfen? Oder soll man lieber den Schluss ziehen, dass die armen Studierenden in Hamburg einen Bonus gegenüber denen in Greifswald brauchen, weil sie leider, leider nicht so gut studieren können? International gesehen, liegen einige der erfolgreichsten Universitäten in Millionenstädten. – Die anderen Korrekturvariablen sind kaum weniger absurd. Besonders delikat ist der Korrekturfaktor „Frauenanteil“. Sollen die Ergebnisse der Fakultäten schlecht gerechnet werden, die einen höheren Frauenanteil haben? – Dass Ausländer in vielen Fällen nicht ausreichend auf ihre Fähigkeit selektiert werden, dem Unterricht an einer deutschen Medizinischen Fakultät zu folgen, sollte zwar zu Reformen Anlass geben, aber kann kaum als Korrekturfaktor dienen. Was sollen landesspezifische NC-Werte als Surrogatparameter für die Güte des Abiturs in den betreffenden Bundesländern? Soll die Leistung derjenigen heruntergerechnet werden, die ihre Schüler besser ausbilden? – Ein edler Beitrag zur Elitebildung, fürwahr. Schließlich die Personalausstattung. Es mag sein, dass dieser Parameter einen statistischen Einfluss hat, er ist aber der fragwürdigste von allen, und der Einfluss kann nur sehr indirekt sein (Korrelation ist bekanntlich nicht immer kausale Verknüpfung). Nach dem Zulassungsrecht ist die Zahl der an einer Fakultät zugelassenen Medizinstudenten über den curricularen Normwert strikt an die Deputate des wissenschaftlichen Personals in der Lehreinheit „Vorklinik“ gebunden. Das gilt bundesweit. Wenn eine Universität nach der Tabelle des Wissenschaftsrates eine „bessere“ wissenschaftliche Personalausstattung hat, dann kann das nur zwei Gründe haben: Entweder hat diese Fakultät einen besonders hohen Unterrichtsexport (z. B. in den Studiengang Zahnmedizin, der ja in den ZVS-Statistiken nicht erscheint, oder auch in die Pharmazie und viele andere Fächer), oder diese Fakultät hat mehr wissenschaftliches Personal in Instituten, die nicht der Lehreinheit „Vorklinik“ zugeordnet sind. In diesem Fall stehen diese Wissenschaftler auch nicht für den vorklinischen Unterricht zur Verfügung. Fakultäten, die sie dennoch einsetzen, werden möglicherweise in Verwaltungsgerichtsprozessen durch höhere Zulassungszahlen bestraft, womit sich der Vorteil „mehr wissenschaftliches Personal“ automatisch wieder ausgleicht.
Es lassen sich sicher weitere Einwände gegen diese Statistik finden . . . Wichtiger als Detailkritik scheint mir aber die allgemeine Schlussfolgerung: Es sollte nun nicht jede Fakultät hergehen und ihre eigene Ranking-
tabelle erstellen, in der sie möglicherweise durch den Einsatz geeigneter Korrekturfaktoren besser wegkommt. Zu einem „fairen Vergleich“ wird dieser Kampf der „Rankingparameter“ mit Sicherheit nicht führen. Wenn denn schon Rankings in unserer Gesellschaft unvermeidlich sind, dann bleiben wir doch lieber bei der unkorrigierten und ungeschminkten „Bundesligatabelle“ des IMPP. Allerdings haben sich vor diesem Vergleich schon etliche Fakultäten in „Reformstudiengänge“ geflüchtet.
Prof. Dr. med. Dr. h. c. H. O. Handwerker,
Studiendekan der Friedrich-Alexander-Universität
Erlangen-Nürnberg, Krankenhausstraße 2–4,
91054 Erlangen
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