ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2006Gesundheitsreform: Augenwischerei
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Nachdem wir nun endlich wissen, dass in Deutschland jeder eine Kran­ken­ver­siche­rung haben wird – dies ist nach Ulla Schmidt „von herausragender Bedeutung“ – grenzt Beck Leistungspflicht gegenüber „selbst verschuldeten“ Risiken ein (Piercings). Aha, stimmt ja, wir befinden uns im Laberland, einfach mal was in den Raum werfen, wird schon ein paar Schulterklopfer geben. Vielleicht kommen wir ja dazu, endlich alle Risikosportarten, am besten gleich jeden Sport, das Rauchen und Trinken sowieso und natürlich auch Ohrringe als vermeidbare persönliche Risiken hinzustellen. Alles Nebenkriegsschauplätze, ablenken will man von den traurigen Ergebnissen der wochenlangen Verhandlungen. Ergebnis: weitere Bürokratiesteigerungen. Die ärztliche Gebührenordnung soll von Punkten auf Euro umgestellt werden; dem folgt also jedes Jahr eine Anpassung aller Vergütungen? Ein neues Institut muss her. Dieses kann (muss) dann auch gleich die Einnahmen und Verteilung der Gelder des neuen „Gesundheitsfonds“ betreiben. Dass aber ausgerechnet Wirtschaftlichkeitsprüfungen dem Bürokratieabbau zum Opfer fallen sollen, konterkariert die sonst im Vordergrund stehende Merkantilisierung und Öko­nomi­sierung des Krankenversorgungswesens schon ein wenig. Ein weiterer realitätsferner Vorschlag der Koalition ist der Vorbehalt der Zweitmeinung bei der Verordnung teurer Medikamente. Was sind teure Medikamente? Verursacht nicht ein vermeintlich billiges, jedoch täglich eingenommenes Arzneimittel mehr Kosten als die einmalige Anwendung einer erforderlichen Hightechtherapie auf bestem Stand der Wissenschaft? Auch hier: Augenwischerei. Es wird abgelenkt von der wahren Misere des
Krankenversorgungssystems, nämlich dem Wegbrechen der Einnahmebasis durch hohe Arbeitslosigkeit, niedrige Löhne (gefordert von Wirtschaftsvertretern), die Zunahme von freiberuflichen Nebeneinkommen, die nicht automatisch von der Beitragspflicht erfasst werden, besonders im akademischen Bereich, ganz allgemein durch das Absinken des realen Einkommens unterer und mittlerer Schichten . . .
Dr. med. Michael Stiel,
Herpenstraße 22, 53117 Bonn
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