ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2006Vertragswettbewerb: Die Mission der AOK

POLITIK

Vertragswettbewerb: Die Mission der AOK

Dtsch Arztebl 2006; 103(38): A-2442 / B-2119 / C-2043

Blöß, Timo

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Will man echten Wettbewerb unter den Krankenkassen, müssen sie mehr Einzelverträge abschließen können, heißt es in einem Gutachten der AOK.

Was haben die Raumfähre Atlantis und die Gesundheitsreform gemeinsam? Bei beiden wurde Anfang September der Start verschoben. Während die Atlantis aber mittlerweile erfolgreich ihre Mission im All abgearbeitet hat, ist die politische Elite der deutschen Erdenbewohner aufgrund des gesundheitspolitischen Urknalls ziemlich zerstritten. Der zuvor mühsam erkämpfte Kompromiss ist mit der Verschiebung wieder zum Beschuss freigegeben, wie die vielen kritischen Äußerungen aus den drei Regierungsparteien verdeutlichen. Freuen wird das vor allem die Krankenkassen, sähen sie doch den Entwurf am liebsten an Bord der Atlantis – mit Kurs zum Mond. Jetzt aber keimt noch mal die Hoffnung, auf die Reformpläne einwirken zu können. Passend dazu hat die AOK ein wissenschaftliches Gutachten vorgelegt, um ihre Position zu untermauern. Zwar sei man sich mit der Politik einig, den Wettbewerb im Gesundheitswesen auszubauen, so Dr. Hans Jürgen Ahrens, Vorsitzender des AOK-Bundesverbandes, bei der Vorstellung der Expertise. Doch mit den bisherigen Reformplänen werde das Gegenteil erreicht. Die Kassen müssten, so die Studie, mehr Möglichkeiten bekommen, „über Preise, Qualität und Menge der Leistungen mit einzelnen Leistungserbringern oder Gruppen von ihnen verhandeln“ zu können.
Finanzielle Anreize schaffen
Überall im Gesundheitswesen gebe es Wettbewerb, nur im Kollektiv-vertragssystem der Ärzte nicht, sagt Prof. Dr. Ingwer Ebsen. Er hat zusammen mit dem Gesundheitsökonomen Prof. Dr. Jürgen Wasem und anderen Wissenschaftlern die Expertise für die AOK erarbeitet. „Krankenkassenwettbewerb kann aber nur sinnvoll sein, wenn es Wettbewerb bei den Ärzteverträgen gibt“, ist er überzeugt. Der Wettbewerb ließe sich dabei problemlos ausweiten. Man müsse nur an bestehende Modelle anknüpfen und diese weiterentwickeln.
Nach Vorbild der integrierten Versorgung sollten Selektivvertragsmöglichkeiten ausgebaut werden. So soll den Plänen der Wissenschaftler zufolge auch für Einzelverträge außerhalb der integrierten Versorgung eine Anschubfinanzierung bereitgestellt werden. „Erst mittelfristig“, erklärt Gesundheitsökonom Wasem, „sollten die finanziellen Anreize abgebaut werden.“ Vor allem fordern die Gutachter, Einzelverträge innerhalb der Sektoren zu ermöglichen. „Nach dem Arbeitsentwurf vom August ist das mit der Gesundheitsreform für den ambulanten Bereich geplant“, sagt Wasem. Doch auch auf die stationäre Versorgung müssten die sektoralen Einzelverträge ausgeweitet werden.
Zudem besäße die integrierte Versorgung Vorbildcharakter für den Ausbau der Einzelverträge, weil sie „einen pragmatischen Einstieg in die Bereinigung kollektiver Vergütungen“ darstelle. Für die integrierte Versorgung können die Krankenkassen pauschal jeweils bis zu einem Prozent der ambulanten und stationären Budgets aufwenden. Mit der Gesundheitsreform soll diese zunächst auf drei Jahre begrenzte „pauschale Budgetbereinigung“ um ein Jahr verlängert werden. Das aber geht den Wissenschaftlern nicht weit genug. Stattdessen sollten die Mittel für die Anschubfinanzierung verdoppelt und die Laufzeit um fünf Jahre verlängert werden. Des Weiteren gelte es, die Regelung zur pauschalen Bereinigung auch für sektorspezifische Einzelverträge auszuweiten. Anders als derzeit sollen bei einzelvertraglich erbrachten Leistungen die Kollektivbudgets lediglich um den Betrag gekürzt werden, den die Behandlung im Kollektivvertragssystem gekostet hätte. „Andernfalls würden wir falsche finanzielle Anreize setzen“, sagt Wasem. Erhält man für eine Hüftbehandlung im Kollektivsystem 2 000 Euro, könne auch nur der gleiche Betrag für die selek-
tiv erbrachte Leistung bereitstehen. „Das Risiko trägt dann der Einzelvertragspartner“, so Wasem.
Nicht überall stoßen die Vorschläge auf Gegenliebe. Bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) ist man beim Thema Einzelverträge skeptisch. Würden die Pläne des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums umgesetzt, blieben die von den Kassenärztlichen Vereinigungen zu gründenden Dienstleistungsgesellschaften – anders als noch im ersten Arbeitsentwurf der Reform vorgesehen – bei Verträgen zur hausarztzentrierten Versorgung oder bei der integrierten Versorgung außen vor. „Dann“, sagt der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Andreas Köhler, „sehen sich die Patienten einem Flickenteppich gegenüber. Fährt einer nach Usedom, muss er sich vorher erkundigen, ob seine Kasse mit den Ärzten dort einen Vertrag hat.“
Timo Blöß
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige