ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2006Suizidprävention: 11 000 Tote sind zu viel

POLITIK

Suizidprävention: 11 000 Tote sind zu viel

Dtsch Arztebl 2006; 103(38): A-2444 / B-2120 / C-2044

Bühring, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Der dritte internationale Welttag der Suizidprävention versucht, durch Gedenkfeiern und Aufklärung das gesellschaftliche Tabu zu brechen.

Selbst bei Trauerfeiern wird meist nicht darüber gesprochen, wenn der Verstorbene Suizid verübt hat“, weiß die Pfarrerin der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche Dr. Cornelia Kulawik. Dieses Tabu zu brechen ist den Kirchen ein wichtiges seelsorgerisches Anliegen. Einerseits um Ansprechpartner für Suizidgefährdete zu sein, andererseits um den trauernden Angehörigen nach einer solchen meist unverständlichen Tat beizustehen.
Die Bedeutung des Suizids für Angehörige war der Schwerpunkt des dritten internationalen Welttages zur Suizidprävention am 10. September, den die International Association for Suicide Prevention (IASP) gemeinsam mit der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) veranstaltet hat. Rund 11 000 Menschen begehen jedes Jahr in Deutschland Suizid (weltweit sind es 1,5 Millionen), so die Zahlen der WHO, unmittelbar betroffen sind davon im Durchschnitt sechs nahe stehende Personen. „Für Angehörige ist es fast unmöglich, Hilfe zu finden – die Angebote fehlen“, bemängelte Georg Fiedler, Dipl.-Psych., nationaler Repräsentant der IASP.
Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist der Suizid die zweithäufigste Todesursache nach Verkehrsunfällen und sonstigem „High-Risk“-Verhalten. Fast dreimal so viele Männer wie Frauen sind betroffen. Die Suizidgefährdung steigt mit dem Alter überproportional an. Besonders bei den über 75-jährigen Männern, aber auch bei den Frauen, die im Altersdurchschnitt deutlich weniger betroffen sind (Suizide 2004: 7 939 Männer, 2 794 Frauen): Jede zweite Frau, die sich tötet, ist älter als 60. An der traurigen Spitze der Suizidraten stehen EU-weit mit großem Abstand die Männer in Litauen, gefolgt von Estland und Lettland. Ein Thema, das erst in letzter Zeit in den Focus komme, seien die deutlich höheren Suizidraten bei homosexuellen und bisexuellen Männern sowie bei lesbischen Frauen, betonte Prof. Dr. med. Armin Schmidtke, Vorsitzender des nationalen Präventionsprogramms für Deutschland: „Besonders gefährdet sind diejenigen, die zusätzlich zu einer sexuellen Deviation noch einer ethnischen Minderheit angehören.“ Auffällig seien auch die zunehmenden Selbsttötungen junger türkischer Frauen. Schmidtke vermutet, dass diese mitunter von ihren Familien „der Ehre wegen“ dazu gedrängt werden.
Während sich in den USA die meisten mit Schusswaffen töten, steht in Deutschland der Tod durch Erhängen an der Spitze der Suizidmethoden. Bei den Suizidversuchsmethoden stehen Medikamente an erster Stelle. „Hier kann ein erschwerter Zugang schon helfen“, erklärte Schmidtke: Antidepressiva in kleineren Verpackungen anzubieten und Paracetamol nicht in Tankstellen zu verkaufen senke auch die Suizidraten deutlich. In den neuen Bundesländern habe die Detoxifizierung von Haushaltsgas die Suizidrate insgesamt senken können.
Suizidversuche und Suizide verursachen nicht nur enormes Leid, sondern auch hohe Kosten: Bei gering geschätzten 100 000 Suizidversuchen jährlich belaufen sich die direkten Kosten durch Polizei, Notarzt- und Feuerwehreinsätze sowie Kranken­haus­auf­enthalte auf 178 Millionen Euro. Viele Suizidüberlebende werden zu Pflegefällen, deshalb müssen zusätzliche Ausgaben wie fortlaufende Therapien und Lohnfortzahlungen hinzugerechnet werden, sodass mit einem Minimum von 250 bis 300 Millionen gerechnet wird.
Zur Suizidprävention gehört neben dem Aufbrechen des gesellschaftlichen Tabus auch die Frage, was Ärzte tun können, um Suizidgefährdete zu erkennen und ihnen zu helfen. 70 Prozent der Suizidgefährdeten suchen noch vier Wochen vor dem Suizid ihren Hausarzt auf. Erkennt der Hausarzt die oftmals zugrunde liegende Depression und behandelt sie richtig oder überweist an einen Experten, könnten viele Suizide verhindert werden. Fiedler wies darauf hin, dass Depressionen insbesondere bei Männern häufig nicht erkannt werden, weil diese eher zu aggressivem Verhalten neigen. Das Deutsche Bündnis gegen Depression e.V. bietet Fortbildungen und Materialien für Hausärzte an (Kasten).
Mit einem ökumenischen Gottesdienst und Gästen anderer Konfessionen beteiligte sich die Gedächtniskirche am Weltsuizidpräventionstag: 11 000 Kerzen rund um das Gebäude – für jeden an Suizid Verstorbenen eine.
Petra Bühring


Erfolgreiches Projekt

Das Deutsche Bündnis gegen Depression e.V. informiert über Depressionen, um Suizide zu verhindern.
Das im Rahmen des Kompetenznetzes Depression entstandene Projekt startete 2001 in Nürnberg als „Nürnberger Bündnis gegen Depression“. Ziel ist die Fortbildung von Hausärzten sowie die Aufklärung von Betroffenen, Apothekern, Lehrern und Altenpflegekräften und der Öffentlichkeit. Nach zwei Jahren konnten die Suizide und Suizidversuche in Nürnberg fast um ein Viertel gesenkt werden. Der Erfolg führte zur Ausweitung des Projekts: Inzwischen sind zwischen Flensburg und Memmingen mehr als 35 lokale Bündnisse gegen Depression entstanden. Informationen unter: www.buendnis-depression.de
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema