ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2006Gesundheitstelematik: Fortschritte, Rückschritte, Zwischenschritte

THEMEN DER ZEIT

Gesundheitstelematik: Fortschritte, Rückschritte, Zwischenschritte

Krüger-Brand, Heike E.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Die Ausgabe der Berufsausweise für nichtverkammerte Fachberufe ist noch nicht geklärt. Eine Lösung wäre ein nationales Berufsregister.
Die Ausgabe der Berufsausweise für nichtverkammerte Fachberufe ist noch nicht geklärt. Eine Lösung wäre ein nationales Berufsregister.
Wie die Ausgabe elektronischer Berufsausweise an die Gesundheitsfachberufe geregelt werden soll, ist noch offen. Einer Lösung nahe ist man bei der Zulassung der Stapelsignatur für verordnende Ärzte.

Wir gehen beim Aufbau der Telematik schrittweise vor. Keiner muss Angst haben, nicht berücksichtigt zu werden“, betonte Dr. Stefan Bales vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium beim Fachkongress „IT-Trends Medizin“ in Essen. Bei den Konzepten zur Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) blieb die Gruppe der nichtverkammerten Fachberufe bislang ausgespart. Dabei beinhaltet das elektronische Rezept (eRezept) als Pflichtanwendung der eGK die Verschreibungen von Heil- und Hilfsmitteln, auf die auch die Angehörigen der Fachgruppen im Gesundheitswesen zugreifen müssen. Verstärkt fordern diese daher mehr Mitsprache und eine Beteiligung bei der weiteren Entwicklung.
Das Gesundheitspersonal im ambulanten und im stationären Sektor umfasst jeweils mehr als 1,7 Millionen Personen. Zwar werden voraussichtlich nicht alle einen elektronischen Heilberufsausweis (HBA) beziehungsweise Berufsausweis (BA) mit der qualifizierten Signatur benötigen, doch fehlt bislang eine Berufematrix, aus der hervorgeht, welche Berufe künftig welche Zugriffsrechte auf das eRezept haben müssen. Darauf verwies Dr. Jürgen Faltin, Projektgruppe Health Professional Card im Ge­sund­heits­mi­nis­terium Rheinland-Pfalz.
Nach dem Gesetz (§ 291 a Abs. 5 a SGB V) bestimmen die Länder die zuständigen Stellen für die Ausgabe der HBA/BA. Für die elektronischen Arztausweise sind das dezentral die Ärztekammern; für die Apothekerausweise übernimmt diese Funktion zentral die Werbe- und Vertriebsgesellschaft Deutscher Apotheker mbH (WuV), ein Tochterunternehmen der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Analog dazu gibt es für die Mitarbeiter in Arztpraxen und Apotheken nach Faltin ebenfalls bereits Modelle. Für die sogenannten berufsmäßigen Gehilfen in Arztpraxen, die medizinischen Fachangestellten und das sonstige Assistenzpersonal ist eine Lösung unter Federführung der Kammern wahrscheinlich. Für die „betreuten Berufe“ in Apotheken könnte die WuV als Herausgeber für entsprechende elektronische Berufsausweise fungieren.
Prinzipalmodell
Im Krankenhausbereich wird der elektronische Mitarbeiterausweis nach den Vorstellungen der Deutschen Krankenhausgesellschaft kein Berufsausweis sein, der eine bestimmte Berufsgruppenzugehörigkeit bestätigt, sondern ein Ausweis, der auf der Arbeitnehmereigenschaft beruht. Dieses „Prinzipalmodell“ ließe sich auf sämtliche Mitarbeiter eines Krankenhauses (einschließlich der nichtverkammerten Berufe) mit Ausnahme der dort tätigen Ärzte, Zahnärzte und Apotheker anwenden.
Doch wie sollen die übrigen nichtverkammerten Fachberufe in die Tele­ma­tik­infra­struk­tur mit einbezogen werden? Darunter fallen circa 40 Berufe, die keine Vertretung durch eine Kammer oder einen Einrichtungsträger haben, wie etwa Hörgeräteakustiker, Augenoptiker, Orthopädiehandwerker, Physiotherapeuten, Hebammen und die pflegerischen Berufsgruppen. „Die endgültigen Ausgabestrukturen für Berufsausweise für diese Gruppen sind noch völlig offen“, so Faltin. Zu klären sei beispielsweise, wer die Ausgabe übernehmen soll, ob BA-Ausgabestellen für jede Berufsgruppe oder berufsgruppenübergreifend gebildet werden sollen und wo (regional/überregional, je Bundesland, bundesweit) diese Stellen eingerichtet werden sollen.
Foto: Gematik
Foto: Gematik
Eine mögliche Lösung wäre nach den Vorstellungen Faltins ein nationales Berufsregister (NBR) für die Ausgabe von Heilberufsausweisen, zumal Deutschland im Rahmen der Freizügigkeitsrichtlinien der EU ohnehin zum Aufbau eines Berufsregisters im Gesundheitswesen verpflichtet ist. Das NBR könnte die Berufsregistrierung der Fachgruppen übernehmen und darüber hinaus als zentrale Stelle für die Ausgabe von HBA/BA sowie als virtuelles Trustcenter (ähnlich wie beim Apothekermodell) fungieren. Ob sich eine solche umfassende Behörde realisieren lässt, wurde allerdings kontrovers diskutiert. Voraussetzung dafür ist nicht nur der Konsens der Fachberufe, sondern eine Abstimmung mit anderen Institutionen, wie etwa den Krankenhäusern, und – als größte Hürde – eine Grundsatzentscheidung der Länder.
Im Unterschied zu diesem noch weitgehend unbearbeiteten Bereich macht die Ausgabe der elektronischen Arztausweise Fortschritte. Mit ihrem HBA können Ärzte künftig Dokumente wie das eRezept rechtsgültig signieren und für den Versand über die Tele­ma­tik­infra­struk­tur verschlüsseln. Seit April 2006 betreibt die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) einen Server mit der so- genannten Root(Wurzel)-Instanz, über welche die Echtheit und Gültigkeit der für die Heilberufe ausgestellten Zertifikate online überprüft werden können. Inzwischen habe das Projektbüro Elektronischer Arztausweis der BÄK bereits Arztausweise für Labortests an die Gematik ausgeliefert, berichtete Philipp Stachwitz, BÄK. Diese ist als Betriebsorganisation der Selbstverwaltung für die Einführung der eGK und die Durchführung der Tests verantwortlich. Darüber hinaus haben auch Entwickler von Praxis- und Krankenhaussoftware Testkarten erhalten, damit sie die Primärsysteme für den Einsatz der Ausweise vorbereiten können. Die Ärztekammern Nordrhein und Westfalen-Lippe haben zudem gemeinsam mit der BÄK einen Leitfaden von Anwendungsfällen (Use Cases) erstellt, der den Programmierern die Anpassung der Software erleichtern soll. Die Ärztekammern in den acht Testregionen seien auf die Ausgabe der Ausweise vorbereitet, sagte Stachwitz. Auch die so- genannte Card-to-Card-Authentication mit Musterkarten verschiedener Hersteller sei erfolgreich verlaufen. Dieses Sicherheitsmerkmal ermöglicht den direkten wechselseitigen Abgleich von eGK und Heilberufsausweis ohne die Zwischenschaltung eines Computers und stellt sicher, dass nur berechtigte Personen auf die Daten der eGK zugreifen können.
Praktische Fragen
Kopfzerbrechen bereitete bislang die Umsetzung des eRezepts, denn für Arztpraxen mit hohem Rezeptaufkommen ist die aufwendige Eingabe einer sechsstelligen PIN je Verordnung durch den Arzt nicht praktikabel. Alternativen wie die Nutzung der Stapelsignatur und künftig möglicherweise der Komfortsignatur wurden bislang von der Bundesnetzagentur als nicht signaturgesetzkonform zugelassen.
Bei der Stapelsignatur, die in der Spezifikation des HBA bereits angelegt ist, kann der Arzt mit gestecktem HBA entweder eine bestimmte Zahl von Signaturen durchführen oder in einem bestimmten Zeitintervall Dokumente signieren, ohne stets seine PIN neu eingeben zu müssen. Bei der Komfortsignatur wird die PIN-Eingabe durch andere Verfahren, wie Security-Token (Speichersysteme von digitalen Zertifikaten und Schlüsseln), biometrische Verfahren (etwa Fingerprint) oder Funkchips (zum Beispiel RFID-Armband), ersetzt.
Der Einsatz der Stapelsignatur muss zwar noch rechtlich abgeklärt werden, doch steht man im Hinblick auf eine praxisnahe Lösung vor dem Durchbruch. „Die harte Nuss ist geknackt“, bestätigte Dirk Drees, Geschäftsführer der Gematik. Das mit der Bundesnetzagentur und dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik ausgehandelte Konzept für die Stapelsignatur umfasse einerseits technische Sicherungsmechanismen zwischen Karten, Lesegeräten und Konnektoren, andererseits im Bereich der organisatorischen Rahmenbedingungen „eine wohl definierte sichere Umgebung“ in den Arztpraxen.
Rück- oder Zwischenschritt
Um den Einstieg in die Testphase zu beschleunigen, enthält die für September 2006 angekündigte Rechtsverordnung des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums (BMG) eine Regelung, wonach bereits vorhandene multifunktionale Kartenterminals (MKT) auch mit der eGK eingesetzt werden sollen, damit nicht an allen Arbeitsplätzen der Praxis neue Kartenlesegeräte aufgestellt werden müssen („MKT+-Szenario“). MKTs können sowohl die alte Krankenversichertenkarte als auch die eGK einlesen. Allerdings sind die meisten Kartenterminals dieser Art bislang nicht netzwerkfähig. Sie können nicht (anders als die dafür vorgesehenen sogenannten SICCT-Terminals) an den Konnektor angeschlossen werden, der die sichere Verbindung zum Telematiknetz aufbaut, sondern werden direkt an das Praxisverwaltungssystem im nicht geschützten Netzwerk angeschlossen.
Für die erste Testphase, die offline das Einlesen der Daten der eGK, das Schreiben des Not­fall­daten­satzes sowie das Erstellen und Auslesen des eRezepts vorsieht, müssen im MKT+-Szenario daher die Versichertenstammdaten der eGK zeitweise in einen ungeschützten Bereich verschoben werden. Für Kritiker ist das sicherheitstechnisch ein Rückschritt. Das BMG sieht darin jedoch nur einen „technischen Zwischenschritt“. An der Vision einer sicheren Tele­ma­tik­infra­struk­tur werde sich dadurch nichts ändern, erklärte Bales.
Heike E. Krüger-Brand
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema