ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2006Hochschulen: Falscher Gesamteindruck
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Die Autoren des Artikels zitieren richtig, dass der Wissenschaftsrat unter anderem die Medizinischen Fakultäten Magdeburg, Rostock und die LMU München den erfolgreichen Standorten nach IMPP-Ergebnissen zuordnet. Es ist das Anliegen der Autoren, die Qualität der Ausbildung auf anderer Basis zu vergleichen. Die Autoren sind sich im Wesentlichen darüber im Klaren, dass das Unterfangen nicht einfach ist und schwächen ihre Schlussfolgerungen an mehreren Stellen ab. Trotzdem vermittelt der Artikel einen Gesamteindruck, der falsch ist und so nicht hingenommen werden kann. Es wird u. a. eine 4-Semester-Erfolgsrate als quantitativer Erfolgsindikator verwendet. Sie wird als Quotient aus der Anzahl der erfolgreichen Prüfungsteilnehmer innerhalb der Mindeststudienzeit von vier Semestern und der Anzahl der durch die ZVS vier Semester zuvor zugelassenen Studierenden bestimmt. Tatsächlich erlaubt die im Nenner verwendete Anzahl der durch die ZVS zugelassenen Studierenden kein reales Bild . . . Hier wird unterstellt, dass sich durch „drop outs“ die Anzahl der Prüfungsanmeldungen gegenüber der Anzahl von ZVS-Zulassungen verringert hat. Das ist grundlegend falsch. Unter den „Ergänzenden Anmerkungen zur Datenbasis und Auswertungsmethodik der Fakultätsrankings auf der Basis der Erfolge in der ÄVP 1994–2004“ (www.aerzteblatt.de/plus2506) zeigt Tabelle l, dass in 31 von 36 Medizinischen Fakultäten die Anzahl der Prüfungsanmeldungen zur ärztlichen Vorprüfung die Anzahl der ZVS-Zulassungen zum Teil deutlich übersteigt (im Bundesdurchschnitt ca. neun Prozent; 18 Fakultäten zweistellig; Maximum: Marburg und Ulm: 19 Prozent). Dies scheint den Autoren anhand des eigenen Zahlenmaterials nicht aufgefallen zu sein und ist bei Kenntnis der Sachlage u. a. durch Überbuchungen und Einklageverfahren erklärbar. Lediglich fünf Fakultäten (Greifswald, Kiel, Magdeburg, Rostock, Witten/Herdecke) beklagen einen Rückgang (z. B. Magdeburg minus 15,1 Prozent, Rostock minus 13,2 Prozent). Dafür gibt es vielfältige Gründe, die nicht der Qualität einer Medizinischen Fakultät anzulasten sind. Wenn bei einer Fakultät die Anzahl der Prüfungsanmeldungen höher ist als die Zahl der ZVS-Zulassungen, wird bei der gewählten Vorgehensweise der Erfolg fälschlicherweise „überschätzt“ und für jene fünf Fakultäten mit Fluktuation „unterschätzt“. Konkret heißt das beispielsweise: Wenn man für Magdeburg aus der Grafik 1 bei 1 818 ZVS-Zulassungen eine Erfolgsrate von etwa 47 Prozent abliest (Tabelle 1, Spalte 2), so hätten ca. 855 der insgesamt 914 Prüfungsteilnehmer im 4. Semester (Tabelle 1, vorletzte Spalte) die Prüfung bestanden. Wenn man nun die 855 erfolgreichen Prüfungsteilnehmer auf die 1 544 Prüfungsanmeldungen beziehen würde (Tabelle 1, Spalte 3), würde sich eine Quote von 55,4 Prozent ergeben. Auch für die anderen vier Medizinischen Fakultäten mit Rückgang der Studentenzahlen ergäben sich zum Teil deutlich bessere Werte. Bei einem Ranking auf dieser Basis ergibt sich ein völlig anderes Bild (Magdeburg und Rostock verbessern sich um etwa 15 Plätze). Die in der Publikation gewählte Vorgehensweise zählt jeden „drop out“ prinzipiell als in der Prüfung durchgefallen. Das ist unwissenschaftlich, wie wenn in einem Therapievergleich jeder Patient, der ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr erscheint, als „verstorben“ registriert wird. Prinzipiell wäre die Untersuchung aller vermeintlichen Einflussfaktoren (für die Daten vorliegen) in einem univariaten Modell angezeigt. Faktoren, die einen signifikanten Einfluss zeigen, sollten in ein multivariates Modell übernommen werden . . . Ohne jeden Zweifel haben sich die Autoren einer sehr wichtigen Frage angenommen und ihr offensichtliches Ziel erreicht, nämlich die Stellungnahme des Wissenschaftsrates in Zweifel zu ziehen und die eigene Universität „nach oben zu rechnen“ . . .
Prof. Dr. Emil C. Reisinger,
Studiendekan,
Priv.-Doz. Dr. Günther Kundt,
Komm. Direktor des Instituts für Medizinische Informatik und Biometrie,
Medizinische Fakultät der Universität Rostock,
Rembrandtstraße 16/17, 18057 Rostock
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