ArchivDeutsches Ärzteblatt8/1996FSME-Erkrankungen im Schwarzwald

MEDIZIN: Kurzberichte

FSME-Erkrankungen im Schwarzwald

Kaiser, Reinhard; Neumann-Haefelin, Dieter

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LNSLNSLNSLNS Es wurden im Mai 1994 in der Neurologischen Universitätsklinik Freiburg bereits genauso viele Patienten (n = 4) mit einer Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) stationär aufgenommen wie im gesamten Jahr 1993. Ausgehend von dieser Beobachtung wurde versucht, die Häufigkeit und Verlaufsformen einer FSME-Erkrankung im Badischen Raum genauer zu erfassen. Hierzu wurden zwei Diagnostiklaboratorien sowie 15 Akutkrankenhäuser in Freiburg und näherer Umgebung (bis 30 km Entfernung) um Mitteilungen von Erkrankungsfällen mit serologisch gesicherter Diagnose gebeten. Im weiteren Verlauf beteiligten sich spontan zwölf niedergelassene Kollegen, acht weitere Kliniken aus dem Nord- und Südschwarzwald sowie zwei Diagnostiklaboratorien an der Studie.
Im Rahmen dieser Erhebung konnten 1994 insgesamt 145 Erkrankungsfälle einer FSME im Raum Schwarzwald und Ober- und Hochrhein registriert werden (Grafik). Verglichen mit 1993 (Roggendorf, unveröffentlichte Daten) war die Zahl der Erkrankungen in den jeweiligen Regionen auf das zirka Dreifache angestiegen. Mehr als ein Drittel der Patienten wurden in den Freiburger Kliniken behandelt (n = 52). Der höchste Infektionsort lag ungefähr 900 m über dem Meeresspiegel. Die stärkste Zuwachsrate an FSMEErkrankungen wurde im Pforzheimer Raum beobachtet (1993: n = 1, 1994: n = 18).
Etwa 90 Prozent der Infektionen erfolgten während der Freizeit, bei 12 Prozent der Erkrankten ließ sich der waldnah gelegene eigene Garten als wahrscheinlichster Infektionsort bestimmen. Nur etwa 60 Prozent der Patienten erinnerten sich an einen Zeckenstich. Mehr als die Hälfte (52 Prozent) der Erkrankungen traten im Hochsommer (Juli/August) auf, vier Patienten wurden allerdings erst Anfang Dezember in eine Klinik aufgenommen. Nur ein Viertel der Patienten wurde primär in eine neurologische Klinik eingewiesen. Männer erkrankten in allen Altersstufen mehr als doppelt so häufig wie Frauen.


Klinischer Verlauf
Klinisch führte die Infektion bei 76 von 145 Patienten (52 Prozent) zu einer isolierten Meningitis, bei 50 Patienten (35 Prozent) zu einer Enzephalitis und bei 19 Patienten (13 Prozent) zu einer Enzephalomyelitis oder Enzephalomyeloradikulitis. Bei acht Patienten erfolgte die Klinikeinweisung primär wegen einer ausgeprägten Diarrhö und Fieber. Bei den enzephalitischen Verläufen wiesen folgende Symptome auf die häufige Beteiligung von Kleinhirn und/oder Hirnstamm hin: Ataxie, Intentionstremor, Nystagmus, Hirnnervenparesen (Doppelbilder, Fazialisparesen, Hörminderung, vestibulärer Schwindel, Sprech- und Schluckstörungen), Atem- und Kreislaufregulationsstörungen. Prognostisch ungünstige Merkmale der myeloradikulitischen Verläufe waren ausgeprägte Kopfheber-, Phrenikus- sowie Para- und Tetraparesen. 11 von 19 Patienten mit einer Myeloradikulitis mußten unterschiedlich lange (eine Woche bis neun Monate) assistiert beatmet werden. Kinder und Jugendliche im Alter bis zu elf Jahren zeigten im Vergleich zu Erwachsenen einen milderen Krankheitsverlauf (überwiegend isolierte Meningitiden). Die mittlere Behandlungsdauer im Akutkrankenhaus betrug bei der Meningitis: Erwachsene 10 6 8 Tage (1 bis 38 Tage), Kinder
7,5 6 6 Tage (1 bis 20 Tage), bei der Enzephalitis: Erwachsene 18 6 11 Tage (5 bis 39 Tage), Kinder 8 6 1 Tage (7 bis 10 Tage) und bei der Enzephalomyeloradikulitis: Erwachsene 42 6 28 Tage (12 bis 116 Tage). Bei 8 von 50 Patienten mit einer Enzephalitis (16 Prozent) und bei 14 von19 Patienten mit einer Enzephalomyeloradikulitis (74 Prozent) waren weitere stationäre Rehabilitationsmaßnahmen erforderlich (vier Wochen bis sieben Monate). Ein Patient (64 Jahre) mit einer Enzephalomyelitis verstarb sechs Wochen nach Erkrankungsbeginn an den Folgen der Erkrankung.


Ergebnisse der Erhebung
Die Ergebnisse repräsentieren weder die exakte Erkrankungshäufigkeit für die genannte Region noch für Gesamt-Baden-Württemberg. Über kurzfristige Häufungen schwerer FSME-Verläufe wurde auch in der Vergangenheit berichtet (3). Im Jahr 1994 wurden im Raum Schwarzwald und Ober- und Hochrhein jedoch deutlich mehr FSME-Erkrankungsfälle registriert als je in den vorangegangenen 30 Jahren (1, 5, 6, 7). Mögliche Ursachen für den Anstieg an Erkrankungsfällen sind in dem relativ warmen Winter 1993 zu suchen, der vielen Zecken das Überleben und die Entwicklung zahlreicher neuer Larven ermöglichte, und in dem heißen Sommer 1994, der vermutlich zu einer vermehrten Exposition im Freien geführt hat.


Immunprophylaxe bei FSME
Die Erkrankung an einer FSME ist durch eine Immunprophylaxe vermeidbar. Die Indikation zur aktiven Impfung richtet sich dabei primär nach dem Expositionsrisiko. Sie ist der passiven Immunisierung (Hyperimmunserum) vorzuziehen, da letztere nicht nur eine begrenzte Schutzwirkung (Rate 50 bis 60 Prozent) aufweist (2), sondern auch nur innerhalb eines limitierten Zeitraumes nach erfolgtem Zeckenstich gegeben werden darf (4). Auch sollte bei einer passiven Immunisierung gewährleistet sein, daß sich der Patient innerhalb der letzten zwei Wochen vor der aktuellen Exposition nicht in einem FSME-Endemiegebiet aufgehalten hat. Andernfalls bestünde die Gefahr, da nicht jeder Zeckenstich bemerkt wird, während der Inkubationszeit einer nicht bemerkten Infektion durch eine solche Maßnahme die bereits induzierte endogene Antikörperproduktion und T-Zellantwort zu supprimieren oder gar die Pathogenese zu verstärken. Das von uns sporadisch beobachtete Fehlen der Produktion von Antikörpern nach aktiver Immunisierung älterer Personen gibt Anlaß zu der Empfehlung, den Erfolg einer aktiven Impfung bei über 60jährigen vier bis sechs Wochen nach der zweiten Impfdosis serologisch zu kontrollieren. Eine weitere Kontrolle der Antikörpertiter ist etwa drei bis vier Jahre nach der letzten kompletten Immunisierung zu empfehlen.
Bei der aktuellen vorläufigen Auswertung der 1995 im gesamten Baden-Württemberg durchgeführten prospektiven Erhebung ließ sich bei bislang mehr als 150 erfaßten FSME-Erkrankungsfällen eine ähnliche Verteilung klinischer Manifestationen beobachten wie im Jahre 1994.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1996; 93: A-471–472
[Heft 8]


Literatur
1. Ackermann R, Krüger K, Roggendorf M et al: Die Verbreitung der Frühsommer-Meningoenzephalitis in der Bundesrepublik Deutschland. Dtsch Med Wschr 1986; 111: 927–933
2. Aebei C, Schaad UB: FSME-Immunoglobulin – eine kritische Beurteilung der Wirksamkeit. Schweiz Med Wochenschr 1994; 124: 1837–1840
3. Bodemann H, Hoppe-Seyler P, Blum H et al: Schwere und ungünstige Verlaufsformen der Zeckenenzephalitis (FSME) 1979 in Freiburg. Dtsch Med Wschr 1980; 105: 921–924
4. Gold R, Wiethölter H, Rihs I et al: Frühsommer-Meningoenzephalitis-Impfungen. Indikation und kritische Beurteilung neurologischer Impfkomplikationen. Dtsch med Wschr 1992; 117: 112–116
5. Roggendorf M, Goldhofer E, Heintz F et al: Frühsommer-Meningoenzephalitis in Süddeutschland. Münch Med Wschr 1981; 123: 1407–1411
6. Roggendorf M, Girgsdies OE, Rosenkranz G: Epidemiologie und Prophylaxe der FrühsommerMeningoenzephalitis. Die Gelben Hefte 1994; 34: 74–80
7. Schmitz H: Das FSME-Virus: Virologische und immunologische Aspekte. In: Jusatz HJ: Beiträge zur Geoökologie der Zentraleuropäischen Zecken-Enzephalitis. Berlin, Heidelberg, New York: Springer Verlag 1978; 105: 13–19


Anschrift für die Verfasser:
PD Dr. med. Reinhard Kaiser
Neurologische Klinik und Poliklinik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Breisacher Straße 64
79106 Freiburg


An der Studie haben sich folgende Kliniken beteiligt:
Medizinische Abteilungen: Universitätsklinik Freiburg (Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. H. Blum), Evangelisches Diakoniekrankenhaus (Chefarzt: Prof. Dr. H. Arnold), St. Josefskrankenhaus Freiburg (Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. J. Zähringer), Loretto-Krankenhaus Freiburg (Chefarzt: Prof. Dr. J. Fröhlich), Kreiskrankenhaus Bad Säckingen (Chefarzt: Dr. G. Lunke), Kreiskrankenhaus Emmendingen (Chefarzt: Dr. Wagner), Kreiskrankenhaus Müllheim (Chefarzt: Dr. P. Hoppe-Seyler), Kreiskrankenhaus Titisee-Neustadt (Chefarzt: Dr. Herkel), Kreiskrankenhaus Bühl/Baden (Chefarzt: Dr. Weißmann), Krankenhaus St. Martin Gengenbach (Chefarzt: Dr. W. Ammer), Kreiskrankenhaus Offenburg (Chefarzt: Prof. Dr. Herberg), Bruder-KlausKrankenhaus Waldkirch (Chefarzt: Dr. N. Kühle), Krankenhaus Waldshut-Tiengen (Chefarzt: Dr. H. Jenss), Kreiskrankenhaus Wolfach (Chefarzt: Dr. H. Braun)
Neurologische Abteilungen: Universitätsklinik Freiburg (Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. C. H. Lücking), Kreiskrankenhaus Lahr (Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. K. Kendel), Kreiskrankenhaus Offenburg (Chefarzt: Dr. Wenning), Städtisches Krankenhaus Pforzheim (Chefarzt: Dr. D. Dörstelmann), Klinikum der Stadt VillingenSchwenningen (Chefarzt: Dr. R. W. Brüderl)
Pädiatrische Abteilungen: Universitätsklinik Freiburg (Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. M. Brandis), St. HedwigsKrankenhaus Freiburg (Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. H. Helwig), Kreiskrankenhaus Offenburg (Chefärzte: Drs. Sütterle und Dr. Folkens), Kreiskrankenhaus Lörrach (Chefarzt: Prof. Dr. Stahl)
Folgenden Kollegen sei für die Unterstützung der Studie an dieser Stelle besonders gedankt: Dr. Altmann, Dr. Braun, Dr. Debes, Dr. Dieterich, Dr. Dörstelmann, Prof. Dr. Forster, Prof. Dr. Fröhlich, Dr. Hagenbuch, Dr. Hansmann, Prof. Dr. Helwig, Dr. Hermann, Dr. Hoppe-Seyler, Dr. Leo, Dr. Metzel, Dr. Müller, Dr. Seyfert, Dr. Plons, Dr. Staß, Dr. Steinhausen-Lohrmann, Dr. Steuer, Dr. Wagner, Dr. Teubner, Prof. Dr. Zähringer

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