ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2006Hans Carossa: Zwischen Tradition und Moderne

KULTUR

Hans Carossa: Zwischen Tradition und Moderne

Dtsch Arztebl 2006; 103(38): A-2486 / B-2156 / C-2080

Goddemeier, Christof

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Hans Carossa im Garten einer römischen Villa, Foto um 1935 Foto: picture-alliance/akg-
Hans Carossa im Garten einer römischen Villa, Foto um 1935 Foto: picture-alliance/akg-
Im Werk des vor 50 Jahren verstorbenen Dichters und Arztes überwiegt ein Wille zum Heilen und Bewahren.

Im Unterschied zum nur acht Jahre jüngeren Gottfried Benn war Hans Carossa kein moderner, die Dichtkunst revolutionierender Dichter. Das hat er selbst auch nie für sich in Anspruch genommen; der Expressionismus etwa blieb ihm fremd. Doch ordnete er sich literaturhistorisch durchaus ein, bekannte sich dabei vor allem zu Goethe als seinem dichterischen Vorfahren. In einer bloßen Nachahmung Goethes, wie ihm gelegentlich unterstellt wird, geht sein Werk jedoch nicht auf.
Am 15. Dezember 1878 wird Hans Carossa in Bad Tölz geboren. Sein Vater Karl Carossa ist Arzt und auf die Behandlung von Lungenkrankheiten spezialisiert. Hans Carossa sieht sich genötigt, in seine Fußstapfen zu treten, studiert zunächst in München Medizin und promoviert Ende 1905 in Leipzig mit einer Arbeit über Dauererfolge bei Dammrissen dritten Grades.
Früh wird der Wunsch deutlich, sich angesichts von Konflikten eine Welt zu bauen, „die nur für mich ist und in die ich mich flüchten kann, wenn’s mir auf der andern zu bunt wird.“ 1906 schickt er Gedichte an Richard Dehmel und kommt über diesen in Kontakt mit dem nur wenig älteren Hugo von Hofmannsthal. Der vermittelt weiter an den Insel-Verlag, in dem von da an alle Werke Carossas erscheinen. Rückblickend rechnet Carossa den Tag, an dem ihn zum ersten Mal Hofmannsthals Ruf erreicht, zu den größten Glückstagen seines Lebens. Der zeitlebens verehrte Hofmannsthal wie auch Stefan George bleiben für ihn unerreichbare Größen der Dichtkunst.
1907 heiratet Carossa Valerie Endlicher, mit der er seit einem Jahr einen Sohn hat. In der Figur der Hanna Cornet setzt er ihr 1913 in seinem ersten Prosastück „Die Schicksale Doktor Bürgers“ ein literarisches Denkmal. Der Konflikt zwischen Vater und Sohn um die Berufswahl wird nach dem Tod des Vaters 1906 zu einer lebenslangen Auseinandersetzung zwischen Arztsein und Dichtertum, zwischen täglicher Praxis und Künstlerfreiheit. Anfangs hat Carossa wohl gehofft, die ärztliche Tätigkeit in der Passauer Praxis werde ihm ausreichend freie Zeit lassen, doch bald sieht er, dass sie „den ganzen Menschen fordert“. Andererseits wird er seinen Worten
zufolge gerade durch den Tod des Vaters innerlich zum Arzt.
So ist die Optik des Arztes aus Carossas Werk nicht wegzudenken. Das besondere Gewicht des ärztlichen Standpunkts schlägt sich bereits im Titel seiner drei Arztbücher nieder: „Die Schicksale Doktor Bürgers“ (1913), „Der Arzt Gion“ (1931), „Der Tag des jungen Arztes“ (1955). Das „Rumänische Tagebuch“ (1924) gestaltet in fiktiver Form ärztliche Tätigkeit unter den Bedingungen des Ersten Weltkrieges. Es steht unter dem Leitspruch „Raube das Licht aus dem Rachen der Schlange“, was einem „Bewahre das Menschliche in der Unmenschlichkeit des Krieges“ entspricht. Diese Menschlichkeit zeigt sich auch in der Einstellung zum Gegner: Einmal sieht der Arzt durchs Fernrohr einen Trupp Rumänen und meldet dies nicht, weil diese Soldaten für ihn Menschen und keine Feinde sind.
In seinem Vortrag „Probleme der Lyrik“ grenzt Gottfried Benn 1951 die moderne Dichtkunst von der des 19. Jahrhunderts ab. Zwar sieht Carossa sich vor allem als Lyriker, doch glaubt er im Unterschied zu Benn, dass Lyrik nur wenig aus einer genauen Kenntnis der Welt erwachse. Während Benn sich 1933 zunächst zum Nationalsozialismus bekennt, wählt Carossa sofort die „innere Emigration“. Innerlich bleibt er Nonkonformist. Andererseits zahlt er seinen Preis dafür, dass man ihn weiterschreiben lässt, etwa als er 1941 die Ernennung zum Präsidenten der nationalsozialistischen „Europäischen Schriftstellervereinigung“ annimmt. Einer Veröffentlichung seiner den Krieg ablehnenden „Abendländischen Elegie“ stimmt er Ende 1944 nicht zu, aus Angst vor Missverständnissen und Widerspruch. Kurz vor der Kapitulation plädiert er in einem Brief an den Oberbürgermeister von Passau, die Stadt kampflos zu übergeben, und wird dafür in Abwesenheit zum Tod verurteilt.
Verglichen mit anderen Dichtern hinterlässt Carossa kein umfangreiches Werk. Das liegt auch daran, dass er langsam arbeitete, nichts erzwang. So musste er sich seinem Verleger Anton Kippenberg gegenüber immer wieder rechtfertigen: „Der gute Weltmann ahnt ja nicht, wie es bei mir zugeht und wie viel Vorbereitung nötig ist, damit Dinge wachsen können, die dann ganz einfach aussehen.“ Seine wichtigsten Arbeiten erreichen Auflagen von weit mehr als 100 000 Exemplaren und sind in zahlreiche Sprachen übersetzt. Gottfried Benns Texte kann man lesen als Chronik einer in ihre Bestandteile zerfallenden Welt. Bei Hans Carossa überwiegt dagegen, in der Spannung zwischen Tradition und Moderne, ein Wille zum Heilen und Bewahren. Am 12. September vor 50 Jahren ist Hans Carossa in Rittsteig bei Passau gestorben.
Christof Goddemeier
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