ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2006(Familien-)Geschichte: Mit sanfter Ironie

KULTUR

(Familien-)Geschichte: Mit sanfter Ironie

Dtsch Arztebl 2006; 103(38): A-2487 / B-2157 / C-2081

Ebert, Andreas D.

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W. Paul Strassmann: Die Strassmanns. Schicksale einer deutsch-jüdischen Familie über zwei Jahrhunderte. Campus, Frankfurt, New York, 2006, 376 Seiten, gebunden, 24,90 F
W. Paul Strassmann: Die Strassmanns. Schicksale einer deutsch-jüdischen Familie über zwei Jahrhunderte. Campus, Frankfurt, New York, 2006, 376 Seiten, gebunden, 24,90 F
Dieses Buch ist eine Fundgrube für alle, die sich für deutsch-jüdische und Berliner (Medizin-) Geschichte interessieren. Der Autor, Professor emeritus of Economics an der Michigan State University, hat das Buch seiner Familie vorgelegt, aus der zahlreiche berühmte Gelehrte, Mediziner, (Lebens-)Künstler und Politiker hervorgingen. Lebendig und liebevoll werden die Wurzeln einer jüdischen Familie beschrieben, die ihren Lebensschwerpunkt aus dem westpreußischen Rawicz in das Berlin des Vormärz verlegt. Nach dem Edikt von 1812, das Juden zu Einländern erklärte, nahm die preußische Judengesetzgebung eine zähe, langwierige Entwicklung. Zahlreiche Berufe und Ämter blieben für deutsche Juden verschlossen. So wundert es nicht, dass viele junge deutsche Juden sich dem Studium der Medizin, der Juristerei und der philosophischen Fächer zuwandten, nicht, um eine Hochschullehrerlaufbahn einzuschlagen, sondern um als Ärzte, Rechtsanwälte oder Schriftsteller arbeiten zu können. Es wundert auch nicht, dass unter diesen Umständen zahlreiche Juden politisch engagiert waren – und schon gar nicht, dass zahlreiche politisch Denkende und Handelnde Ärzte waren, man denke nur an Rudolf Virchow. So auch Mitglieder der Familie Strassmann: Samuel (1826–1879) und Wolfgang Strassmann (1821–1885) waren bereits 1848 in der revolutionären Studentenschaft aktiv. Dr. med. Wolfgang Strassmann, mit Gefängnis und Exil bestraft, wurde später elf Jahre lang immer wieder zum Stadtverordnetenvorsteher Berlins gewählt. Er arbeitete in dieser Funktion jahrelang mit Rudolf Virchow zusammen, wobei unter anderem Probleme der Hygiene, der regelmäßigen Müllabfuhr, der Trinkwasserkontrolle, der Schulgesundheit, der Berliner Rieselfelder im Mittelpunkt standen. Dr. med. Heinrich Strassmann (1834–1905) praktizierte als Kassen- und Frauenarzt. Sein jüngster Bruder, Dr. med. Ferdinand Strassmann (1838–1931), wurde für sein soziales Engagement 53. Ehrenbürger Berlins. Gemeinsam gaben die Brüder unter anderem die damals bekannte Fachzeitschrift „Graevelsche Notizen für praktische Ärzte“ bei Hirschwald heraus. Bis 1913 brachte die Familie Strassmann acht Ärzte hervor, darunter so bekannte wie Paul und Fritz Strassmann.
Prof. Paul Ferdinand Strassmann (1866–1938) war einer der bedeutendsten Frauenärzte der Weimarer Republik. Sein Name ist noch heute aufgrund seiner Metroplastik (Strassmann-Operation) in den operativen Lehrbüchern zu finden und bleibt auch mit der 1844 gegründeten Berliner Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie, deren Schriftführer und Vorsitzender er jahrzehntelang war, verbunden. Zahlreiche ausländische Ärzte besuchten damals die als vorbildlich geltende Strassmann-Klinik in der Schumannstraße, so auch die Mayo-Brüder aus Rochester, die später Erwin Strassmann, dem Sohn Pauls, bei der Emigration in die USA halfen. Prof. Erwin Strassmann (1895–1972), Frauenarzt wie sein Vater, seit 1942 amerikanischer Staatsbürger und 1965 von Bundespräsident Heinrich Lübke mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse ausgezeichnet, lieferte wesentliche Beiträge zur Etablierung der modernen Frauenheilkunde in den USA.
Prof. Fritz Strassmann (1858– 1940), ein Schüler Virchows und Limans, war über Jahrzehnte einer der führenden Gerichtsmediziner Deutschlands. Sein Wirken führte unter anderem dazu, dass sich die Rechtsmedizin zu einem eigenständigen Fach im universitären Fächerkanon entwickelte. Die Deutsche Gesellschaft für Rechtsmedizin ehrt heute ihre verdienten Mitglieder mit der Fritz-Strassmann-Medaille, und die Freie Universität Berlin hat ihr Gebäude für Rechtsmedizin in Fritz-Strassmann-Haus umbenannt.
Zahlreiche, bisher unbekannte Originalfotografien illustrieren eindrucksvoll die Höhepunkte der fruchtbaren deutsch-jüdischen Symbiose, wie sie von vielen gesehen wurde – bis 1933 die Nationalsozialisten einen mörderischen Schlussstrich unter den hohen Traum der vollendeten Emanzipation zogen. Entrechtung und Erniedrigung, Ausbürgerung und Emigration, staatlich sanktionierter Raub, Folter und systematische Ermordung folgten. Auch die Strassmann-Familie wurde nicht verschont. Ein Strassmann, Ernst, leitete sogar eine Widerstandsgruppe. Andere Familienmitglieder konnten emigrieren, doch der Name Theresienstadt wurde für immer in den Stammbaum der Familie eingebrannt.
W. P. Strassmann erzählt kenntnisreich mit sanfter, gelegentlich bitterer Ironie und lässt deutsche Geschichte subjektiv Revue passieren. Strassmann hat dieses Buch zu seinem 80. Geburtstag herausbringen können, den er in beneidenswerter Gesundheit und Frische mit seiner amerikanischen Familie und den deutschen Freunden im Juli in Berlin feierte. Der Kreis, ausgehend von seiner Berliner Kindheit, der erzwungenen Emigration und dem Neubeginn sowie der Blüte der Strassmann-Familie in den USA und anderswo in der Welt, hat sich teilweise geschlossen.
Andreas D. Ebert
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