ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2006Rekombinanter Keratinozyten-Wachstumsfaktor: Schutz vor oraler Mukositis nach aggressiver Tumortherapie

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Rekombinanter Keratinozyten-Wachstumsfaktor: Schutz vor oraler Mukositis nach aggressiver Tumortherapie

Dtsch Arztebl 2006; 103(38): A-2490

Blaeser-Kiel, Gabriele

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Palifermin: ein rekombinanter humaner Keratinozyten- Wachstumsfaktor (nach Farrell. Cancer Res 1998; 58: 933–9) Abbildung: Amgen
Palifermin: ein rekombinanter humaner Keratinozyten- Wachstumsfaktor (nach Farrell. Cancer Res 1998; 58: 933–9) Abbildung: Amgen
Zu den schwersten Komplikationen einer myeloablativen Chemoradiotherapie mit Stammzelltransplantation gehört die orale Mukositis. Besonders gefährdet sind Patienten mit schlechtem Allgemein- und Ernährungszustand, ungünstigem oralen Status (Xerostomie, Parodontose, schlecht sitzende Prothesen) sowie höherem Lebensalter.
Nach Aussage von Prof. Monika Engelhardt (Freiburg) ist bei etwa drei Viertel der Fälle mit einer Entzündung der Mundschleimhäute der WHO-Grade 3 oder 4 zu rechnen; das bedeutet ausgeprägte Ulzerationen, die das Schlucken fester Nahrung beziehungsweise orale Ernährung unmöglich machen. Die Daten aus der Literatur deckten sich mit den Ergebnissen einer eigenen, allerdings retrospektiven Analyse. Kaum weniger hoch sei das Risiko nach aggressiver Behandlung von Tumoren des oberen Gastrointestinaltrakts oder des Hals- und Kopfbereichs.
Eine orale Myositis Grad 3 oder 4 ist für den Patienten nicht nur quälend, sondern wirkt sich auch ungünstig auf seine Prognose aus, denn die Schädigung oder der Verlust des Mund- und Rachenepithels erleichtert das Eindringen von Bakterien, Pilzen oder Viren und können damit Ausgangspunkt einer lebensbedrohlichen Infektion oder Sepsis sein.
Die spontane Heilung setzt erst etwa drei Wochen nach Abschluss der onkologischen Therapie ein. Im Schnitt verlängern sich durch eine orale Mukositis die Notwendigkeit für parenterale Ernährung und Opioideinnahme sowie die Dauer des Klinikaufenthalts um zwei bis drei Tage. Darüber hinaus ist die Chance, die nächsten 100 Tage zu überleben, statistisch signifikant schlechter als bei Patienten ohne Schleimhautkomplikationen (92 versus 99 Prozent – p = 0,015) (Bolwell et al.: Blood 2005; 106: 837).
Mit Palifermin (Kepivance®) steht jetzt eine therapeutische Option zur Verfügung, die Inzidenz, Dauer und Schwere der oralen Mukositis zu vermindern. Es handelt sich um einen rekombinanten humanen Keratinozyten-Wachstumsfaktor, der wie sein „endogenes Vorbild“ an spezifische Oberflächenrezeptoren der Epithelzellen bindet und dadurch deren Proliferation und Differenzierung induziert. In präklinischen Studien wurde gezeigt, dass Palifermin einerseits vor den mukotoxischen Effekten der Chemo- und Radiotherapie schützt, andererseits die Reparaturfunktionen der den Gastrointestinaltrakt auskleidenden Zellen unterstützt.
In den zulassungsrelevanten Studien wurde Palifermin an 650 Patienten mit hämatologischen Krebsformen erprobt. Was sich erreichen lässt, demonstrierte Engelhardt anhand der Ergebnisse der Phase-3-Studie (Spielberger et al.: N Engl J Med 2004; 351: 2590–8). Eingeschlossen worden waren 212 Patienten mit Leukämien oder Lymphomen. Die Palifermin- oder Placebo-Infusionen erfolgten doppelblind in zwei Zyklen: an drei aufeinanderfolgenden Tagen vor einer myelotoxischen Hochdosistherapie mit Ganzkörperbestrahlung und an drei Tagen nach der Transplantation hämatopoetischer Stammzellen.
Wie Engelhardt berichtete, habe Palifermin die Häufigkeit von Grad-3/4-Mukositiden statistisch signifikant reduzieren können – 63 versus 98 Prozent unter Placebo (p < 0,001). Darüber hinaus war die Erkrankungsdauer im Verumarm im Mittel drei versus neun Tage (p < 0,001) kürzer und der Verbrauch an Opioid-Analgetika geringer – 212 versus 535 Morphinäquivalente (p < 0,001) beziehungsweise sieben versus elf Tage (p < 0001).
Palifermin erwies sich als gut verträglich: Häufiger als in der Kontrollgruppe wurden unter anderem Exantheme, Juckreiz, Hautrötungen, Ödeme, Fieber, Muskelschmerzen sowie Beschwerden an Mund oder Zunge und Geschmacksveränderungen dokumentiert. Diese Nebenwirkungen waren vorwiegend mild bis moderat und reversibel.
Gabriele Blaeser-Kiel


Pressekonferenz „Aufbruch in eine neue Zeit – Kepivance® – erste und einzige Therapie bei oraler Mukositis“ beim 32nd Annual Meeting of the European Group for Blood and Marrow Transplantation (EBMT)
in Hamburg, Veranstalter: Amgen GmbH
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