ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2006Börsebius zum aktienmarkt: Nach 9/11

GELDANLAGE

Börsebius zum aktienmarkt: Nach 9/11

Dtsch Arztebl 2006; 103(38): A-2491 / B-2159 / C-2083

Rombach, Reinhold

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS In den letzten August-Tagen war an den Finanzmärkten Unsicherheit genau zu spüren, selbst geringwertige negative Nachrichten drückten sofort die Kurse, Erholungsansätze blieben meist im Keime stecken, allerdings hielten sich die Abschläge immer in Grenzen. Diese verhaltene Börsenwelt hat mit Zweierlei zu tun: Zum einen zählt der September schon seit Jahrzehnten zu den traditionell schwächeren Monaten, in denen es angezeigt war, eher nicht zu investieren. Zum anderen ist der mittlerweile fünfte Jahrestag der New Yorker Terrorattacke noch so sehr im Denken der Börsianer verhaftet, dass Anlageentscheidungen einfach nicht wertneutral getroffen werden können.
Dennoch hat sich in der Wahrnehmung der Bedrohung fundamental einiges geändert, obwohl 9/11 natürlich, wie könnte es auch anders sein, Datum zum Sinnbild für die geballte Unwägbarkeit und die sekundenschnelle dramatische Verletzlichkeit komplexer Systeme geworden ist.
Heute gehört die latente Bedrohung durch den Terrorismus fast schon zum Alltag, aber, man mag den Handelsteilnehmern Zynismus unterstellen, sie ist in den Kursen im Prinzip bereits eingepreist. Als vor Kurzem Scotland Yard verkündete, mehrere Terroranschläge seien gerade mal knapp vereitelt, dauerte der Einbruch an den Börsen nur zwei Stunden, und anschließend waren die Kurse wieder auf dem zuvor gesehenen Niveau. Zuvor hatten die „echten“ Anschläge in London und Madrid zwar deutliche, aber keineswegs nachhaltige Spuren in den Charts hinterlassen.
An der Stelle zeigt sich dann halt doch, dass es den Homo oeconomicus, wie er in den Modellen der Volkswirtschaft gang und gäbe ist, in Wahrheit gar nicht gibt. Zumindest gerade dann nicht, wenn er gefragt oder genauer, gefordert ist: in der Panik. Die Geschehnisse um den Terroranschlag im September 2001, von den Amerikanern plakativ abstrakt 9/11 tituliert, spiegeln klar einen kollektiven Kontrollverlust wider, der sich immer dann einstellt, wenn etwas Unmodellhaftes, etwas völlig Unvorhergesehenes wie das Erlebte passiert. Das Paradoxe an der heutigen Situation ist eben genau das ökonomisch sinnvolle Verhalten, sich nicht verrückt machen zu lassen, obwohl es auf der psychosozialen Ebene fast schon ein schlechtes Gewissen verursacht, gerade deswegen Aktien zu kaufen, weil sich kommende Terrroranschläge vermutlich nicht mehr extrem auswirken könnten.
Auf den Börsenalltag umgesetzt, heißt das nichts anderes, als für die kommenden Monate eher freundlichere Kurse erwarten zu können. Wer seine Anlagestrategie darauf einstellt, begeht im Übrigen keine Untat, sondern hat sich lediglich der Macht der Gewöhnung gebeugt. Oder gestellt, je nachdem.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.