ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2006Ärzte für die Dritte Welt: Einsatz in Nicaragua

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Ärzte für die Dritte Welt: Einsatz in Nicaragua

Dtsch Arztebl 2006; 103(38): A-2495 / B-2163 / C-2087

Steinert, Martin

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Bernhardt Ehlen, langjähriger Geschäftsführer von „Ärzte für die Dritte Welt“, bat mich im Juni 2005 bei einer Fortbildung für Tropenmedizin in der Frankfurter Zentrale, ein Projekt im unterversorgten Norden von Nicaragua aufzubauen. Mein Arbeitgeber akzeptierte leider nur eine Kündigung. Im Juni 2006 kam ich von meinem mehr als achtmonatigen Aufenthalt in Ocotal, Nicaragua, zurück. Jetzt sitze ich nachdenklich in meiner Jessener Wohnung.
Wo sind die vielen spielenden Kinder auf staubigen Wegen geblieben? Hier ist alles irgendwie verplant – und eng. Im 130 000 Quadratkilometer großen Nicaragua ist dagegen sehr viel Platz. Täglich musste ich bis zu vier Stunden im Geländewagen sitzen, um die Streusiedlungen der Indianer zu erreichen. Das tropische Klima war nur sehr schwer zu ertragen. Hinzu kamen tägliche Höhenunterschiede von etwa 1 200 Meter bei den Fahrten zu den Bergsiedlungen. Auf Dauer am anstrengendsten war es aber, sich auf das Zeitgefühl der Mittelamerikaner einzustellen.
Fehlende Straßenanbindung, schlechte Bildung, traditionelle Landwirtschaft mit Mais und roten Bohnen auf schlechten Böden mit langen Trockenzeiten, schlechtes Trinkwasser, Nichtnutzung von WC-Häuschen, fehlendes Stromnetz, offene Lehmhütten, lange Wege zum nächsten staatlichen Gesundheitsposten, anstrengendes Klima, die Folgen eines Wirbelsturmes und wiederholte Hungersnöte – die Probleme der Ureinwohner sind vielfältig. Bis zu 30 Prozent der Kleinkinder sind stark unterernährt. Fast alle Kleinkinder zwischen zwei und fünf Jahren haben einen Wurmbauch, „Chimbombita“ genannt. Zahnärztliche Behandlungen kann sich niemand leisten.
Essen, Gegenstände oder Land zu teilen ist ein zentraler Wert der Kultur. So bekam ich selbst vom ärmsten Bauern noch das letzte Ei gebraten, eine Tasse selbst gemachten Kaffee angeboten, Tortilla mit Bohnen serviert oder eine Ayote, eine Kürbisfrucht, geschenkt.
Ein Arzt verdient etwa 200 Dollar im Monat. Während meiner Aufenthaltszeit streikten die Ärzte seit sechs Monaten für mehr Einkommen. „Meine“ Krankenschwestern bekamen zwischen 60 und 120 Dollar Gehalt im Monat.
Papiere benötigte ich in der kleinen Kolonialstadt Ocotal nicht. Eine persönliche Vorstellung beim katholischen Pfarrer, Francisko Robles, und ein Abendessen beim örtlichen Ärzteverein und bei Bürgermeisterin Marta reichten aus. Ein Besuch bei der Deutschen Botschaft zur Beantragung eines Jahresvisums war allerdings notwendig.
Geduldig warten die Indianerfrauen mit ihren Kindern auf den deutschen Arzt. Fotos: Martin Steinert
Geduldig warten die Indianerfrauen mit ihren Kindern auf den deutschen Arzt. Fotos: Martin Steinert
„Ärzte für die Dritte Welt“ unterstützt fünf staatliche „Centros de Salud“ (kleine Land-Polikliniken). Die staatlichen Polikliniken helfen uns jeweils mit einer Krankenschwester, was besonders wertvoll zur Durchführung der Schwangerenbetreuung, der Kinderimpfungen und bei der Ausbildung der Brigadistas (medizinischen Ersthelfer in den Dörfern) war. 75 Prozent meiner geduldigen Patienten waren Mütter mit ihren Kindern. Täglich kamen zwischen 35 und 90 Patienten zur Behandlung. Die klinische Untersuchung unterstützen eine handliche helle Taschenlampe und ein erprobtes Littmann-Stethoskop. Zwei Seiten Medikamentenübersichten wurden wasserdicht in Plastikfolie mitgeführt. Da Holzspatel nicht zu kaufen waren, wurden einfache Löffel zur Munduntersuchung benutzt. Blutzuckerbestimmung und Blutdruckmessung wurden relativ selten gebraucht. Dagegen benutzte meine Krankenschwester Fieberthermometer und Kinderwaage sehr häufig. Eine 90-prozentige Alkoholflasche dient der Desinfektion. Diese unmittelbare ärztliche Arbeit machte mir sehr viel Freude.
15 000 Kilometer legte der Autor unfallfrei über staubige Straßen im Gebirge zurück.
15 000 Kilometer legte der Autor unfallfrei über staubige Straßen im Gebirge zurück.
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Erkältungsinfekte, Anämien, Parasitenbefall, Gastroenteritis (mit Hunger) und Hauterkrankungen (wie Impetigo, Scabies, Allergien oder Pilz- und Läuseinfektionen) waren die häufigsten Diagnosen. Bei den wenigen Älteren standen Virusinfekte, Spondylose, Gelenkarthrosen und Oberbauchbeschwerden sowie Kopfschmerzsyndrome im Vordergrund. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Hypertonie oder Diabetes mellitus waren kaum zu behandeln. Notfälle konnten mit dem Projektfahrzeug direkt ins einzige Krankenhaus der Grundversorgung nach Ocotal gebracht werden. Spezialisierte Fachärzte gab es nur im mehr als 300 Kilometer oder fünf Busstunden entfernten Managua und waren dadurch praktisch nicht verfügbar.
Tropenkrankheiten kamen selten vor. Für das häufige Denguefieber gibt es ein staatliches Insektenbekämpfungsprogramm. Tuberkulosebehandlung und Sputumtest erfolgten über speziell ausgebildete Krankenschwestern. Auf Malaria konnten von meinen Mitarbeiterinnen alle Patienten mit lang anhaltenden Fieberzuständen durch einen Blutausstrich (Großer Tropfen) kontrolliert werden. Chronische Wunden waren verdächtig auf Berglepra (Hautleishmanias). Für die sehr häufige südamerikanische Schlafkrankheit (Chagas) und die Cholera gibt es ein Prophylaxeprogramm von „Ärzte ohne Grenzen“. Eine spanische Krankenschwester in Mozonte bildete Dorfhelfer für die Erste Hilfe bei Durchfallerkrankungen, Erkennung von Pneumonien, Mütterberatung oder Trinkwasserkontrolle aus. Die Verbreitung von Aids soll bei etwa einem bis zwei Prozent liegen; insbesondere in den Großstädten und in den Karibikregionen gibt es stark zunehmende Zahlen. Die gleichen Gebiete betreffen auch Drogen und Alkoholprobleme. Mit Nahrungsmittelhilfe, Trinkwasserbohrungen und Schulneubauprogrammen sind die UNO, das Rote Kreuz, die EU und das Welt-Food-Programm im Regierungsbezirk aktiv.
Was bleibt nach der langen Zeit in Nicaragua? Ich bin vielen hilfsbereiten Menschen begegnet und habe unvergessliche Erfahrungen gesammelt – auch, dass die unmittelbaren Lebensumstände wie Kultur, Ernährung, Bewegung, Wasserqualität, Stress oder Bildung mehr Einfluss auf die Lebensqualität haben als unsere teure Medizin. Unserer ärztlichen Kunst täte daher die Einbeziehung aller Lebensumstände unserer Patienten und mehr Bescheidenheit gut. Martin Steinert



Das Komitee „Ärzte für die Dritte Welt“ (www.aerzte3welt.de) entsendet seit 1983 deutsche Ärzte zu mindestens sechs Wochen dauernden medizinischen Hilfseinsätzen in die Dritte Welt. Meistens nutzen die Ärzte dafür ihren gesamten Jahresurlaub, um in Slumgebieten Hilfseinsätze zu leisten. Mehr als 300 deutsche Ärzte jährlich arbeiten so unentgeltlich, leben vor Ort unter einfachen Bedingungen und zahlen 50 Prozent ihres Flugpreises selbst.

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