ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2006Umgang mit Kollegen – Im Zweifel: Fragen stellen

BERUF

Umgang mit Kollegen – Im Zweifel: Fragen stellen

Dtsch Arztebl 2006; 103(38): [75]

Thill, Klaus-Dieter

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LNSLNS Über die ungeschriebenen Regeln der Zusammenarbeit

Assistenzarzt Peter S. ist verunsichert. Seine vor einem Dreivierteljahr begonnene Arbeit macht ihm großen Spaß, allerdings hat er nach anfänglich gutem Kontakt zu seinen Kollegen zunehmend das Gefühl, ausgegrenzt zu werden. Er wird nur noch wenig in private Unterhaltungen einbezogen, und die Informationen, die er erhält, beschränken sich auf das Notwendigste. In seiner Not bittet S. seinen Chef um ein Gespräch. Dieser hat den Entfremdungsprozess zwischen S. und seinen Kollegen auch beobachtet und hat eine Erklärung dafür: S. habe die ungeschriebenen Regeln des beruflichen Miteinanders missachtet, meint der Chefarzt.
Jedes Krankenhaus und jede Arztpraxis hat seine eigenen Regeln, die den Umgang der Mitarbeiter untereinander bestimmen. Diese Regeln haben sich häufig im Laufe der Zeit zu einer Art „interner Gesetzgebung“ entwickelt, können sich aber auch verändern, zum Beispiel wenn Führungskräfte wechseln oder die Struktur der Belegschaft verändert wird. Wer gegen dieses Regelwerk oder Teile davon verstößt, grenzt sich aus. Deshalb besteht die erste und wichtigste Aufgabe von neuen Mitarbeitern immer darin, diese Regeln zu erkennen und das eigene Verhalten darauf abzustimmen. Im Einzelnen geht es bei diesen „Regelwerken“ um folgende Aspekte:
- Beachtung der Informations- und Kommunikationswege. Kliniken und Praxen funktionieren nur mithilfe eines reibungslosen Informationsaustausches. Wichtig ist, hierbei zu erkennen, wie dieser organisiert ist, vor allem, wer wann und in welcher Art einbezogen werden muss.
Diese „Informationshierarchie“ hatte S. nicht beachtet und bei seiner Arbeit Kollegen übergangen, die ihm das übel nahmen.
- Zurückhaltung mit Kommentaren und Vorschlägen. Etablierte Mitarbeiter reagieren allergisch, wenn neu hinzukommende Kollegen ihnen sagen, wie sie ihre Arbeit besser, leichter oder schneller erledigen können. Eine neue Sichtweise von Prozessen und Strukturen kann hilfreich sein, etwa um Betriebsblindheit zu überwinden. Doch „Newcomer“ sollten sich mit Veränderungsvorschlägen zurückhalten, insbesondere, wenn diese zu forsch vorgetragen werden.
Hier lag auch eines der Probleme von S., der zunächst besser alles beobachtet hätte, statt bei der erstbesten Besprechung bestehende Regelungen als ineffizient zu qualifizieren.
- Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und Ordnung. Gerade als „Neuer“ steht man unter besonderer Beobachtung. Der Vorgesetzte möchte erkennen, ob der Mitarbeiter in der Lage ist, seine Aufgaben adäquat zu erfüllen. Den Kollegen ist wichtig, wie er sich in die Gemeinschaft einführt. Die Grundlage eines positiven Eindrucks bilden die Verhaltensweisen „Pünktlichkeit“, „Verlässlichkeit“ und „Ordnung“. Gerade zu Beginn einer Zusammenarbeit kommt es darauf an, diszipliniert Termine und Zusagen einzuhalten und für Ordnung zu sorgen – sei es am eigenen Arbeitsplatz oder bei anderen Anlässen (wer halb volle Kaffeetassen in fremden Büros stehen lässt, macht sich unbeliebt).
S. hatte die von ihm beobachtete Lockerheit des Umgangs unter den Kollegen auf alle Handlungsbereiche übertragen und erschien zu den Besprechungen meist einige Minuten zu spät, nicht ohne seinen „Auftritt“ auch noch mit einer lockeren Bemerkung zu unterstreichen.
- Wertschätzung der Kollegen. Neben einem freundlich-offenen Zugehen auf die neuen Kollegen wird die Wertschätzung zunächst über die Sie-Anrede vermittelt. Neue Mitarbeiter sollten sich im Hinblick auf ein „schnelles Du“ zurückhalten. So wird auch vermieden, zu schnell einer Gruppierung oder einem Lager innerhalb der Klinik- oder Praxisorganisation zugeordnet zu werden. Wertschätzung drückt sich aber auch im Grußverhalten aus. Ist man neu, sollte man möglichst viel und vor allem zuerst grüßen. Die Begrüßung sollte dabei allen gelten, die man trifft – unabhängig davon, ob es sich um den Pförtner, eine Schwester oder den Chefarzt handelt.
Wie S. von seinem Chef erfuhr, war er bereits als „karriereorientierter Grüßer“ bekannt, weil er nur Gleich- oder Höherrangige beachtete.
- Zurückhaltung und Vertraulichkeit. In jeder neuen Gemeinschaft stößt man auf Personen, zu denen sich relativ rasch eine beidseitige Sympathie ergibt. In dieser Situation ist man versucht, persönliche Dinge, aber auch Informationen über Kollegen allzu offen preiszugeben. Das kann aber zu Problemen führen. Auf Fragen, wie man denn das Verhalten von Frau X oder Herrn Y bewertet, sollte man zurückhaltend reagieren. Es ist nicht empfehlenswert, Fehler anderer öffentlich „an den Pranger zu stellen“.
- Anpassung der Kleidung. Einerseits ist die Art der Kleidung eine individuelle Entscheidung, andererseits kann die Wahl der falschen Kleidung die Integration in ein Team erschweren. Tragen beispielsweise alle männlichen Mitarbeiter Hemd und Krawatte, ist es für einen neuen Kollegen nicht opportun, im T-Shirt zu erscheinen.
Auch hier hatte S. die „Zeichen der Zeit“ nicht erkannt.
Ein optimaler Umgang mit Kollegen kann dann erreicht werden, wenn man sich selbst und sein Verhalten selbstkritisch und vor allem aus dem Blickwinkel der Kollegen sieht. Das verhindert, die ungeschriebenen Regeln des Kollegenkreises zu verletzten. Ist man unsicher, hilft vor allen Dingen eines: Fragen stellen.
Klaus-Dieter Thill
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