ArchivDeutsches Ärzteblatt9/1997Reform des Medizinstudiums: „Fakultätentag blockiert“

POLITIK: Aktuell

Reform des Medizinstudiums: „Fakultätentag blockiert“

Dtsch Arztebl 1997; 94(9): A-498 / B-440 / C-403

Clade, Harald

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LNSLNS Das Konzept und die Empfehlungen des Medizinischen Fakultätentages (MFT) zur Reform des Medizinstudiums, die bei einem außerordentlichen Fakultätentag am 26. November 1996 beschlossen wurden, stoßen inzwischen auf immer mehr Ablehnung. Sowohl ein Arbeitskreis aus Hochschullehrern für Allgemeinmedizin als auch die "Fachtagung Medizin" (die gewählte Vertretung der Medizinstudenten an den 36 Fakultäten) haben das Konzept des Fakultätentages als "reformblockierend" kritisiert und als einen "Rückschritt um 30 Jahre" in toto abgelehnt. Auch der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer ist inzwischen auf Distanz zum Ansatz des Fakultätentages gegangen. Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium hat das Eckpositionenpapier inzwischen erneut überarbeitet und dabei zum Teil den Forderungen der Fakultäten nach Erweiterung der Autonomiezonen stattgegeben.


Noch ist nicht der längst avisierte offizielle Referentenentwurf des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums fertiggestellt und an die beteiligten Verbände und Gruppierungen zur Begutachtung übersandt worden, schon werden Alternativ- und Gegenreformkonzepte präsentiert, so unter anderem ein von einer Präsidialkommission des Fakultätentages entworfenes und inzwischen gebilligtes Reformkonzept, das bei den AllgemeinmedizinHochschullehrern und den Medizinstudenten auf wenig Gegenliebe stößt. Namentlich die "Fachtagung Medizin" kritisiert vor allem die vom Fakultätentag vorgeschlagene Untergliederung des sechs Jahre dauernden Medizinstudiums in drei gleich lange Studienabschnitte. Es sei überdies nicht zu erkennen, wie der vorklinische mit dem klinischen Studienabschnitt und die theoretischen und klinischen Lehrinhalte im Sinne eines fächerübergreifenden Unterrichts verzahnt werden können, eine Reformabsicht, die auch im ersten Entwurf des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums auf der Basis der Konzeption einer Bund-Länder-Kommission (vom Dezember 1995) angestrebt wird. Die "verfaßten" Medizinstudenten kritisieren: Bei einer Beibehaltung der herkömmlichen Gliederung in fest umrissene Studienabschnitte sei es unmöglich, das Studium von Anfang an integrativ auszurichten und den Studenten parallel zu den klinisch-theoretischen Lehrinhalten bereits in der frühen Studienphase eine praxisorientierte, patientenbezogene Ausbildung zu vermitteln.
Dagegen empfiehlt der MFT die patientenzentrierte Lehre und den aktiven Umgang der Studenten mit den Patienten frühestens ab dem dritten Studienjahr. Mithin werde an der Theorielastigkeit des Studiums und am zu spät einsetzenden Praxisbezug so gut wie nichts geändert. Dagegen hält die Fachtagung der Studenten den frühzeitigen studienbegleitenden Patientenkontakt und die Ausrichtung der Ausbildung am "Lehrgegenstand" für unverzichtbar, um die Studenten zu motivieren und ihnen notwendige hausärztliche Fähigkeiten und Fertigkeiten zu vermitteln. Zudem erleichtere dies den Studenten, die Gewichtung der theoretischen Grundlagen besser einzuschätzen.


Interdisziplinär lernen
Die Studentenschaft fordert: Interdisziplinäres Lernen muß erarbeitet und frühzeitig eingeübt werden. Ehe die Medizinstudenten zur Ausbildung auf einer Klinikstation eingesetzt werden könnten, müßten sie lernen, die Patienten als "ganzheitliche Individuen" unter Berücksichtigung ihres psychosozialen Umfeldes zu begreifen. Auch der Vorschlag des Fakultätentages, das bisher ein Jahr dauernde Praktische Jahr künftig auf zwei Jahre auszudehnen, wird von den Studenten abgelehnt. Dies könnte zur Folge haben, daß die Famulaturen der Studenten künftig auf acht Wochen gekürzt werden. Aus der Sicht der Fachtagung hätten sich die Famulaturen bewährt. Sie seien sowohl für die betreuenden Ärzte als auch die Studenten flexibler als das strikt vorgegebene, kurrikulär gestaltete Praktische Jahr (PJ), da die Famulaturen frei wählbar seien.
Die Medizinstudenten kritisieren auch die quantitative Überbewertung des Krankenpflege-Praktikums gegenüber den herkömmlichen Famulaturen durch den Fakultätentag. Ein zweimonatiges Praktikum sei durchaus ausreichend. Die praktische Ausbildung und die berufsbezogenen Fertigkeiten könnten in Famulaturen eher als in einem Pflegepraktikum vermittelt werden. Die "Fachtagung Medizin" lehnt auch den Vorschlag ab, die Zulassungszahlen für Studienbeginner ausschließlich an der Bettenkapazität der medizinischen Fakultäten und der Lehrkrankenhäuser auszurichten und dabei auch die zur Ausbildung geeigneten und bereiten Klinikpatienten zu berücksichtigen (über eine Änderung der "Kapazitätsverordnung") - ein Petitum, dem die Bundes­ärzte­kammer und der Entwurf des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums sowie die Bund-Länder-Kommission beipflichten.
Die Studenten argumentieren weiter: Durch den verstärkten Kleingruppenunterricht und die Unterrichtung der Studenten am Krankenbett seien die Aufnahmekapazitäten seit 1990 ohnedies um 20 Prozent verringert worden. Die vom Fakultätentag vorgeschlagene Regelung führe zu einer Verringerung der Zahl der Studienplätze um schätzungsweise 40 Prozent (der BMG unterstellt eine Verringerung um 20 Prozent, das heißt von 11 500 auf rund 9 000 Medizinstudenten pro Jahr). Dagegen unterstützen die Medizinstudenten einige Teile des MFT-Konzepts, so unter anderem:
1 Integration von Blockpraktika in den Studienablauf
1 Einführung von studienbegleitenden Prüfungen für den klinischen Studienabschnitt anstelle einer staatlichen Prüfung nach dem 10. Semester
1 Aufnahme einer "Experimentierklausel" für Modellstudiengänge
1 Abschaffung des Arztes/der Ärztin im Praktikum und
1 Festlegung von fächerübergreifenden Unterrichtsveranstaltungen im Praktischen Jahr.


Verfehlter Trend
Die Arbeitsgemeinschaft Medizinische Anthropologie e.V. (Vorsitzender: Prof. Dr. med. Peter Mitznegg, Leiter der Abteilung Allgemeinmedizin und Allgemeinpraxis an der Freien Universität Berlin, Hindenburgdamm 30, 12200 Berlin) kritisiert ebenfalls die "Reformblockade" des Medizinischen Fakultätentages. In den Vorreferenten-entwurf des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums seien im Gegensatz zum Konzept des Fakultätentages zumindest ansatzweise die inhaltlichen, strukturellen und didaktischen Elemente der Studienreform einbezogen worden. Das MFT-Konzept überwinde hingegen nicht die viel kritisierte Tatsache, daß das Hochschulstudium zu einer weitgehend einseitigen Spezialisierung anleite und die entstandenen Defizite in Forschung und Lehre in der Allgemeinmedizin nicht abbaue. Den Studenten würden nicht ausreichend allgemeine Kenntnisse, Fähigkeiten und Einstellungen vermittelt werden, die sie für eine spätere, stärker patientenzentrierte ärztliche Versorgung benötigen. Vor allem kritisiert die Arbeitsgemeinschaft der Hochschullehrer für Allgemeinmedizin die inhaltliche Aussage des MFT, die auf einer Beibehaltung der medizinischen Fächer und des überholten Fächerkanons abzielt und den theoretischen Unterricht in "Frontalvorlesungen" zu vertiefen beabsichtigt, gleichzeitig das auf zwei Jahre ausgedehnte Praktische Jahr auf die Kernbereiche "Innere Medizin" und "Chirurgie" beschränken will, wovon ein Jahr an Universitätskliniken (also im Bereich der Spezialisierung und Subspezialisierung) absolviert werden soll. Weiterer Kritikpunkt: Statt "integrierende, kommunikative und interaktive Fertigkeit" studienbegleitend einzuüben, solle der Pflichtunterricht in Allgemeinmedizin auf eine "Frontalvorlesung" während eines Semesters beschränkt werden. Damit könne aber das inzwischen zum "Allgemeingut" avancierte Ziel einer gleichgewichtigen Integration des Faches Allgemeinmedizin in das Lehrangebot der Fakultäten nicht erreicht werden. Der MFT-Ansatz fördere dadurch eine kostentreibende Spezialisierung und Subspezialisierung in der Medizin. In den Universitätskliniken würden nur 0,5 Prozent und an den übrigen Krankenhäusern fünf Prozent aller Patienten diagnostiziert und therapiert, 95 Prozent hingegen würden ausschließlich und/oder abschließend ambulant versorgt werden.
l Falls sich die medizinischen Fakultäten weigern sollten, durchgreifende strukturelle Änderungen im Medizinstudium zuzulassen, fordert die Arbeitsgemeinschaft eine Radikalreform nach dem sogenannten Osnabrücker Modell: danach soll die Lehre aus dem Fakultätsverbund und dem Klinikum formal herausgelöst und gesondert mit Dozenten und der Verwaltung besetzt werden. Falls dies nicht realisierbar sein sollte, sollten reine Lehrfakultäten gegründet werden, die in vorhandene Lehr- und Kreiskrankenhäuser der Region integriert werden könnten.
l In zwei bis drei Bundesländern sollte eine reine "Unterrichtsfakultät" als Modell errichtet werden. Sie könnte dann von der subspezialisierten hochtechnisierten Forschung und Krankenversorgung abgekoppelt und in kostengünstiger genutzten Einrichtungen und Räumen etabliert werden. Dr. Harald Clade

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