ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2006Heil- und Hilfsmittel: „Medizinisierung“ von gesellschaftlichen Aufgaben

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Heil- und Hilfsmittel: „Medizinisierung“ von gesellschaftlichen Aufgaben

Dtsch Arztebl 2006; 103(39): A-2500 / B-2168 / C-2092

Gerst, Thomas

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Foto: Peter Wirtz Ergotherapie: Wissenschaftler bezweifeln, dass dieses Heilmittel vorzugsweise für Kinder geeignet ist.
Foto: Peter Wirtz Ergotherapie: Wissenschaftler bezweifeln, dass dieses Heilmittel vorzugsweise für Kinder geeignet ist.
Rund die Hälfte aller ergotherapeutischen Verordnungen entfiel 2005 auf Kinder bis zu zehn Jahren und hierbei insbesondere auf Jungen. Das Durchschnittsalter in der logopädischen Einzelbehandlung lag bei 13 Jahren. Für den aktuellen Heil- und Hilfsmittelreport der Gmünder Ersatzkasse werteten Wissenschaftler vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen rund 1,1 Millionen Rezepte, Verordnungen und andere Abrechnungen aus. Definitionen der Ergotherapie würden zunächst nicht den Schluss zulassen, dass dieses Heilmittel vorzugsweise für Kinder geeignet sei. Der Verdacht liege nahe, dass es sich hierbei um ein Phänomen der „Medizinisierung“ von eigentlich gesellschaftlichen pädagogischen Aufgaben handele, wenn ein so großer Anteil von Kindern eine solche medizinisch-therapeutische Behandlung erfährt, urteilt Prof. Dr. Gerd Glaeske, Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Ähnlich verhalte es sich bei den logopädischen Leistungen, bei denen von 2004 auf 2005 ein Anstieg um 25 Prozent zu verzeichnen war. Auch hier liege der Verdacht nahe, dass dem gesellschaftlichen Problem der Zunahme von Entwicklungsstörungen mit medizinisch-therapeutischen Maßnahmen begegnet werde. Dabei steht nach Aussage Glaeskes ein evidenzbasierter Nutzenbeweis der Logopädie für sprachauffällige Kinder noch aus. TG
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