ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2006Deutscher Apothekertag: Wir lassen uns nicht zu Händlern degradieren

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Deutscher Apothekertag: Wir lassen uns nicht zu Händlern degradieren

Korzilius, Heike

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Haftbar für 500 Millionen Euro: „Bei dieser Enteignung machen wir nicht mit!“, sagte ABDA-Präsident Heinz- Günter Wolf. Foto: Elke Hinkelbein
Haftbar für 500 Millionen Euro: „Bei dieser Enteignung machen wir nicht mit!“, sagte ABDA-Präsident Heinz- Günter Wolf. Foto: Elke Hinkelbein
Die Apotheker plagen Existenzängste und die Sorge um eine Verschlechterung der Arzneimittelversorgung.

Weiß-blau war der Himmel über dem Deutschen Apothekertag – wie schon zuvor bei der Fußballweltmeisterschaft und dem Papstbesuch. Für diese gewagte Aufzählung erhielt die bayerische Sozialministerin Christa Stewens viel Beifall von den 350 Delegierten, die sich am 21. September in München versammelt hatten. Ansonsten haben die Apotheker dieser Tage wenig Grund zur Freude.
„Für uns ist der Arbeitsentwurf zur Gesundheitsreform ein Frontalangriff auf das Berufsbild des Apothekers“, erklärte der Präsident der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, Heinz-Günter Wolf. Setze die Regierungskoalition ihre Pläne zur Änderung der Arzneimittelpreisbildung um, werde der Apotheker vom Heilberufler zum Kaufmann degradiert. Dem zweiten Arbeitsentwurf zufolge sollen die Preise für Arzneimittel künftig keine Festpreise mehr sein, sondern Höchstpreise. Die Apotheken könnten somit bei der Abgabe von Arzneimitteln an ihre Kunden auf einen Teil ihrer Marge verzichten, heißt es in der Begründung des Entwurfs. Möglich ist danach auch die Beteiligung an Rabattverträgen mit Pharmaunternehmen und/oder Krankenkassen. Dabei ist die geltende Arzneimittelpreisverordnung erst vor zwei Jahren geändert worden. Das sogenannte Kombi-Modell sieht bei verschreibungspflichtigen Medikamenten einen dreiprozentigen Aufschlag auf den Apothekeneinkaufspreis sowie einen Festzuschlag von 8,10 Euro je Packung vor. Das garantiert bislang bundesweit einheitliche Arzneimittelpreise. Ein weiterer Vorteil aus Sicht der ABDA ist die Abkopplung des Apothekerhonorars vom Einkaufspreis. Zuvor hatten die Apotheker umso mehr verdient, je teurer ein Medikament war. Die Änderung der Arzneimittelpreisverordnung fördere die Glaubwürdigkeit der Beratung und damit die heilberufliche Komponente des Apothekerberufs, urteilte damals die ABDA. All das sehen die Apotheker mit dem Gesundheitsreformentwurf infrage gestellt. Sie befürchten einen ruinösen Wettbewerb mit negativen Folgen für die flächendeckende Arzneimittelversorgung. Dabei hat die ABDA nicht grundsätzlich etwas gegen Höchstpreise einzuwenden. Der Vorschlag des Verbandes sieht vor, dass künftig Pharmafirmen und Krankenkassen die Preise für Arzneimittel aushandeln und die Apotheken über das Inkasso dafür sorgen, dass die Kassen nur den Preis zahlen, den sie für ihre Versicherten ausgehandelt haben. Die Apothekenvergütung müsse aber weiterhin vom Medikamentenpreis abgekoppelt bleiben.
Besonders empört reagierten die Apotheker darauf, dass der zweite Arbeitsentwurf sie für Einsparungen bei Arzneimitteln haftbar macht. Wird durch Preisvereinbarungen zwischen Krankenkassen und Apothekern im Jahr 2007 nicht mindestens ein Einsparvolumen von 500 Millionen Euro erzielt, tragen die Apotheker die Differenz durch einen entsprechend erhöhten Apothekenrabatt, heißt es in der Begründung. „Bei dieser Enteignung machen wir nicht mit“, betonte Heinz-Günter Wolf unter dem großen Beifall der Delegierten.
Ungemach droht auch von anderer Seite. Anfang Juli hatte die niederländische Internetapotheke DocMorris in Saarbrücken mit Genehmigung des dortigen Ge­sund­heits­mi­nis­teriums eine Filiale eröffnet. Dagegen hatten Apotheker vor Ort geklagt. Sie beriefen sich auf das in Deutschland geltende Verbot des Fremdbesitzes. Das saarländische Ge­sund­heits­mi­nis­terium dagegen sieht in dem Verbot einen Verstoß gegen die EU-rechtlich verbriefte Niederlassungsfreiheit. Einen ersten Etappensieg können die Apotheker inzwischen verbuchen. Mitte September ordnete das Verwaltungsgericht Saarlouis die Schließung der DocMorris-Filiale an. In der Hauptsache ist allerdings noch nicht entschieden. Rückendeckung erhielten die Apotheker von der bayerischen Ge­sund­heits­mi­nis­terin. Sie wolle keine Kapitalgesellschaften als Apothekenbetreiber, erklärte Stewens. Aber es gebe noch komplexe juristische Fragen zu klären.
Vor den Delegierten verteidigte die CSU-Politikerin die Eckpunkte zur Gesundheitsreform. Im Arbeitsentwurf gebe es aber viele Bereiche, die „absolut nicht geklärt sind“, so Stewens. „Wir müssen jetzt vernünftig weiterverhandeln.“ ABDA-Präsident Wolf ging einen Schritt weiter: „Dieser Entwurf gehört dahin, wo er herkam: nämlich ins Ministerium zur grundlegenden Überarbeitung.“
Heike Korzilius
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