ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2006Migration im Gesundheitswesen: Tauziehen um Ärzte

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Migration im Gesundheitswesen: Tauziehen um Ärzte

Meyer, Petra

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LNSLNS Immer mehr Ärzte aus Entwicklungsländern wandern aus in den reichen Norden, wo sie dringend gebraucht werden. Für die Herkunftsländer ist die Abwanderung eine Katastrophe.

Es ist kaum vorstellbar, doch in der nordenglischen Stadt Manchester arbeiten heute mehr malawische Ärzte als in Malawi selbst. Und in Sambia praktizieren nur noch 50 von insgesamt 600 Medizinern, die in den vergangenen 32 Jahren seit der Unabhängigkeit dort ausgebildet wurden. Zwei drastische Beispiele, die verdeutlichen, dass der „braindrain“ – die Abwanderung gut ausgebildeter Fachkräfte – sich für den afrikanischen Kontinent dramatisch auswirkt.
Malawi und Sambia sind keine Einzelfälle. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung verlassen jährlich etwa 20 000 Krankenschwestern und Ärzte den afrikanischen Kontinent. Damit verlieren die Herkunftsländer nicht nur die Fachkräfte, die sie angesichts der eigenen medizinischen Versorgungskrise selbst dringend brauchen. Sie sehen sich auch um die Investitionen gebracht, die sie für deren Ausbildung aufgewendet haben. Zwar betont der Weltbevölkerungsbericht 2006, dass die Migranten aus Entwicklungsländern im vergangenen Jahr etwa 167 Milliarden US-Dollar in ihre Heimatländer zurücküberwiesen und damit die Summe der weltweiten Entwicklungshilfe bei Weitem übertroffen haben. Doch ist dies nur ein schwacher Trost, wenn die Ärzte fehlen, die Krankheiten kurieren könnten. Der massive Verlust an „Humankapital“ ist mit Geld nicht einfach aufzufangen.
Die Folgen sind insbesondere für die afrikanischen Länder schwerwiegend. Immerhin entfällt ein Viertel aller Infektionskrankheiten auf die Länder südlich der Sahara. „Allein angesichts der verheerenden Auswirkungen der Aids-Epidemie in Afrika ist dies schon alarmierend“, klagte Renate Bähr von der Stiftung Weltbevölkerung bei der Vorstellung des Berichts in Berlin. Schließlich sind die Länder südlich der Sahara am schlimmsten von der HIV/Aids-Epidemie betroffen. Jüngste Umfragen der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) haben zudem ergeben, dass gerade medizinische Fachkräfte aus den Ländern mit hohen HIV/Aids-Infektionsraten gern auswandern möchten. Allein in Simbabwe, wo fast ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung HIV-positiv ist, haben 68 Prozent der Befragten diesen Wunsch geäußert.
Abgesehen davon, dass es in vielen Entwicklungsländern ohnehin viel zu wenig gut ausgebildete Mediziner gibt, rücken bei anhaltendem Trend zur Abwanderung auch die viel beschworenen Millenniumsziele in weite Ferne: Diese sehen vor, dass bis zum Jahr 2015 die Kindersterblichkeit um zwei Drittel gesenkt, die Gesundheit der Mütter verbessert und ihre Sterblichkeit um drei Viertel reduziert sowie Krankheiten wie HIV/Aids, Malaria oder Tuberkulose wirksamer bekämpft werden sollen.
Die Gründe, warum so viele Ärzte aus Entwicklungsländern im reichen Norden Arbeit suchen, sind dabei sehr verständlich. Sie werden dort besser bezahlt und erfreuen sich zudem besserer Arbeitsbedingungen und Karriereaussichten. Nicht unwichtig ist auch, dass die politische Situation in ihren Heimatländern oft instabil ist und sie sich von Krieg oder ständiger Gewalt bedroht fühlen.
Die reichen Industrieländer, die sehr davon profitieren, dass so viele Ärzte aus der Dritten Welt abwandern, sind für diese Entwicklung in erheblichem Maße mitverantwortlich. Seit Jahren bilden sie selbst nicht genügend Fachkräfte aus. Stattdessen werben sie die Ärzte mit teilweise aggressiven Methoden ab. Und das scheint nötig zu sein, denn der medizinische Fachkräftemangel ist sogar in so reichen Ländern wie den Vereinigten Staaten enorm. So schätzen US-amerikanische Gesundheitsökonomen, dass bis zum Jahr 2020 in den USA etwa 200 000 Ärzte fehlen werden. Und die WHO rechnet vor, dass das Land 30 Prozent zu wenig Ärzte ausbildet, um den eigenen Bedarf zu decken. Schon heute arbeiten im Großraum New York mehr Ärzte aus Ghana als in der ghanaischen Hauptstadt Accra, so Chen Lincoln von der Universität Harvard. Ein Drittel der Ärzte aus dem westafrikanischen Land arbeitet der WHO zufolge heute im Ausland.
Es ist unwahrscheinlich, dass sich die Migration von gut ausgebildeten Menschen durch Verbote stoppen lässt. Rita Süßmuth, die dem Kuratorium der Stiftung Weltbevölkerung angehört, strebt für Herkunfts- und Aufnahmeländer sowie für die Migranten selbst eher eine Win-win-Situation an. Wie diese aussehen könnte, ist allerdings noch unklar.
Petra Meyer


Zielland USA
In den vergangenen fünf Jahrzehnten hat sich die Zahl der Menschen, die außerhalb ihres Geburtslandes leben, verdoppelt. Sie liegt heute bei 191 Millionen Menschen, etwa die Hälfte davon sind Frauen, so der Weltbevölkerungsbericht 2006.
33 Millionen der 36 Millionen Menschen, die in den vergangenen 15 Jahren ihre Heimat verlassen haben, sind in ein Industrieland ausgewandert. Zu den drei Ländern mit dem höchsten Anteil an internationalen Migranten gehören die USA, die Russische Föderation und Deutschland, wobei die beiden Letzteren weit hinter den Vereinigten Staaten liegen.
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