ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2006Chirurgieassistenz: Neue Dimension des Sparwahns
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Der o. g. Artikel verspricht Innovation. Wenn man jedoch derartige bahnbrechende Neuerungen, wie die Delegation ärztlicher Tätigkeiten an das Pflegepersonal, beschreibt, reichen „Erfahrungsberichte“, die durch keinerlei Zahlen belegt werden, nicht aus. Immerhin verfügen die Autoren nach eigener Aussage über fünf Jahre „Erfahrung“. Es wäre doch ein Leichtes gewesen, chirurgische Parameter auszuwerten, wenn bestimmte Operationsschritte nicht von Ärzten, sondern von angelernten Pflegern durchgeführt werden. Dabei müssten statistisch signifikante Unterschiede zu sehen sein. Sie argumentieren, dass es ausreicht, dem Qualitätsmanagement (QM) entliehene SOPs, Mitarbeiterschulungen, Monitoring von Komplikationen und arbeitsvertragliche Beschreibungen heranzuziehen, um Ärzte durch nichtärztliches Personal zu ersetzen. Damit wird die langjährige Ausbildung eines Facharztes ad absurdum geführt. Sollten wir nicht gleich auch das Medizinstudium abschaffen und durch QM ersetzen? Die eigentliche Botschaft des Artikels ist, dass man sparen kann, wenn Ärzte durch (noch) schlechter Bezahlte, angelernte Nicht-Ärzte ersetzt werden . . . Die Autoren schreiben, dass „ein Bereitschaftsdienst ausschließlich zum Zweck der Operationsassistenz außerhalb der Arbeitszeit“ durch Chirurgieassistenten besetzbar wäre und dadurch „die Präsenz der Assis-
tenzärzte während der Regelarbeitszeit erreicht werden könnte“. Im Klartext sollen Assistenzärzte keine Bereitschaftsdienste mehr absolvieren, die man auch nicht bezahlen müsste. Da wir alle in den Bereitschaftsdiensten viel gelernt haben, bedeutet das eben weniger Ausbildung. Aber die Ausbildung junger Ärzte scheint nicht Schwerpunkt der von den Autoren geleiteten Kliniken zu sein, obwohl sie Universitätskliniken angehören. Man schreibt nämlich von „Facharztstandard“ plus Chirurgieassistent. Aber gibt es nicht auch einen „Assistenzstandard“, indem der Assistent über fundierte Kenntnisse in Anatomie, Physiologie und Chirurgie verfügen muss, um gut zu assistieren? Wenn die Arbeit eines Arztes von einem Angelernten durchgeführt wird, gehört das unbedingt in die Aufklärung der Patienten . . . Die chirurgische Ausbildung besteht weltweit aus einem bewährten Stufenkonzept, das keiner wirtschaftlichen Notlage geopfert werden darf: Man beginnt mit Assistenzen bei Operationen, erlernt die einzelnen Schritte einer Operation, den Umgang mit den Instrumenten, um dann eigenständig zu operieren. Jeder von uns, der eine chirurgische Ausbildung absolviert hat, weiß, mit welcher Freude wir die ersten Hautnähte und die erste Appendektomie durchgeführt haben. Außerdem weiß jeder, dass auch Erfahrene bei vermeintlich „einfachen“ Operationen mit Komplikationen konfrontiert werden, die man als Arzt zu meistern hat. Es kann nicht die Aufgabe leitender Ärzte sein, einerseits zu dulden, dass unsere Kollegen im Dokumentationsdickicht ersticken und andererseits ärztliche Aufgaben, für die wir jahrelang ausgebildet werden, an andere zu delegieren. Wenn man sinnvoll delegieren will, dann sollte es die Bürokratie und nicht die ärztliche Arbeit sein.
Prof. Dr. med. Dr. h. c. Serban-Dan Costa,
Direktor der Universitäts-Frauenklinik,
Otto-von-Guericke-Universität,
Gerhart-Hauptmann-Straße 35,
39108 Magdeburg
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