ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2006Gottfried Benn: Historische Ergänzungen
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Dem Autor fehlen die historischen Kenntnisse über die Fakten im Leben von Gottfried Benn. Wir lesen deswegen die Fehler und Klischees, die über Gottfried Benn im Umlauf sind:
1. Unerfindlich ist, was mit der Behauptung gemeint ist, Gottfried Benn habe 1935 „seine Kassenpraxis unter politischem Druck“ aufgegeben. Ich weiß nicht, wie sich der Autor „politischen Druck“ auf eine ärztliche Praxis vorstellt. Vor allem hatte sich Benn ja zustimmend zum „Neuen Staat“ geäußert. Die wirtschaftliche Lage der Ärzte war auch 1935 noch nicht rosig. Benn suchte wegen seiner leeren Praxis nach einer Angestelltenstelle bei den Gesundheitsbehörden in Berlin. Als sein Gesuch abschlägig beschieden wurde, entschloss er sich zu einer festen Anstellung als Arzt in der Reichswehr.
2. Angeblich kam Benn „Anfang 1935 in das Visier der NS-Kulturpropaganda“. Es bleibt offen, was mit dieser Bemerkung gemeint ist. Benn war ab 1. April in Hannover stationiert und hatte mit einer „Kulturpropaganda“ nichts zu tun.
3. Die Behauptung, es habe „zu Else Lasker-Schüler die leidenschaftlichste Liebesbeziehung gegeben, die Benn je zu einer Frau hatte“, ist aus der Luft gegriffen. Die Lasker-Schüler-Forschung (S. Bauschinger) glaubt nicht an eine Liebesbeziehung, in jedem Fall fehlen die Dokumente.
4. Der Autor behauptet, Benns expressionistische Gedichte zeigten die „Schilderung konkreter Krankheitsbilder, von Obduktionen, Ausschabungen und Operationen“. Er brauchte nur die Gedichte der „Morgue“ zur Hand nehmen, um zu wissen, dass eine solche Behauptung grundlos ist. Es handelt sich um ein Klischee, das auch in der Literaturwissenschaft verbreitet ist. Während aber den Germanisten der Irrtum zu verzeihen ist, weil sie keine Obduktionserfahrung haben, sollte man von einem Mediziner mehr Realitätsbewusstsein erwarten.
5. Heinrich Mann schied als Vorsitzender der Abteilung Dichtkunst im Februar 1933 freiwillig aus der Akademie der Künste in Berlin aus. Der Reichskommissar für das zukünftige Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, Bernhard Rust, konnte nicht, wie behauptet wird, Benn „zum Nachfolger von Heinrich Mann als Vorsitzenden der Sektion Dichtkunst berufen“. Das ließen die Statuten der Akademie nicht zu. Benn wurde auch nicht „der Vorsitz der Sektion Dichtkunst entzogen“. Bei der Neukonstitution der Abteilung wurde Hanns Johst zum ersten Vorsitzenden vorgeschlagen und gewählt.
6. Benn wurde auch nicht im „Stürmer“ und im „Völkischen Beobachter“ in rüdester Weise beschimpft. In der SS-Zeitschrift „Das schwarze Korps“ erschien ein Artikel gegen seine expressionistischen Gedichte, der in gekürzter Form vom „Völkischen Beobachter (Norddeutsche Ausgabe)“ übernommen wurde.
7. Besonders irreführend ist die Behauptung, Benn habe in der Gefahr leben müssen, „auch physisch vernichtet zu werden“. Diese Gefahr sei dadurch abgewendet worden, dass sich „seine militärischen Vorgesetzten schützend vor ihn stellten“. Der Autor des Artikels hätte wenigstens andeuten müssen, warum eine solche Gefahr für Benn überhaupt bestand. Denn er hatte sich politisch ja nichts zuschulden kommen lassen. Benn war zu keinem Zeitpunkt 1933 bis 1945 durch Partei- oder Staatsinstanzen bedroht. Eine solche Behauptung verleiht dem Bericht zwar zum Schluss eine gewünschte journalistische Dramatik, hat aber mit der Realität nichts zu tun. Der Autor muss sich die Benn’sche Frage an Klaus Mann gefallen lassen: „Wie stellen Sie sich denn nun eigentlich vor, dass die Geschichte sich bewegt?“
Prof. Dr. Joachim Dyck,
1. Vorsitzender der Gottfried Benn-Gesellschaft e.V., Elsasserstraße 97 A, 28211 Bremen
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