ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2006Unternehmen: Schering trägt das Bayerkreuz

PHARMA

Unternehmen: Schering trägt das Bayerkreuz

Jachertz, Norbert

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LNSLNS Die Übernahme läuft auf Schienen. Die Aussagen zur Produkt- und Forschungsstrategie sind bisher dürftig.

Eher nebenbei teilte Dr. Hubertus Erlen bei seinem letzten Auftritt als Schering-Chef mit, Ultravist 370 werde in sechs bis zwölf Monaten wieder auf dem Markt sein. Zurzeit würden die Ursachen für aufgetretene Kristallisationen analysiert. Schering hatte das Röntgenkontrastmittel am 31. Juli freiwillig zurückgezogen. Hinzu kam das Eingeständnis, Sargramostim (gegen Morbus Crohn) habe in Phase III die Hoffnungen nicht erfüllt. Die Ultravist-Panne und die gedämpften Hoffnungen platzten mitten in das Angebot von Bayer an die Schering-Aktionäre, ihre Aktien für 89 Euro zu übernehmen. Bayer ließ sich nicht beirren, erreichte die Mindestquote von 75 Prozent und hält heute gut 95 Prozent des Schering-Kapitals. Damit kann Bayer die verbliebenen Aktionäre zwangsweise auszahlen („squeeze out“).
Weltweit unter den Top Ten
Am Ende der Prozedur soll das größte deutsche Pharmaunternehmen stehen, ein Teilkonzern der Bayer AG, der unter dem Namen „Bayer Schering Pharma AG“ Schering und Bayer Health Care zusammenfasst. Geschätzter Umsatz: 15 Milliarden Euro. Bayer Schering Pharma dürfte dem Umsatz nach demnächst weltweit unter den ersten zehn in der Branche rangieren.
Fürs Erste wurde die bisherige Schering AG durch einen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag sowie die Besetzung von Führungspositionen an Bayer gebunden. Die Beschlüsse dazu wurden auf einer außerordentlichen Haupt­ver­samm­lung von Schering am 13. September in Berlin gefasst. Nur zwei Schering-Vorstände bleiben, vier scheiden aus, darunter der Vorstandsvorsitzende Erlen und auch der erst vor einem Jahr bestellte Forschungsvorstand Prof. Dr. Rainer Metternich. Die vier Ausscheidenden werden mit insgesamt 25 Millionen Euro abgefunden. Erlen wurde zudem mit einem Aufsichtsratsmandat getröstet. Den Aufsichtsratsvorsitz von Bayer Schering Pharma übernahm Bayer-Chef Werner Wenning, Erlen ist sein Stellvertreter. Neuer Vorstandsvorsitzender ist Arthur Higgins von Bayer Health Care.
Schering steht bei der Übernahme glänzend da. Der Umsatz im ersten Halbjahr 2006 stieg um elf, das Betriebsergebnis gar um 20 Prozent. Die Hauptumsatzträger – die „Pille“ und Betaferon – verkaufen sich weiterhin gut. Bei der „Pille“ ist Schering weltweit führend, die Patentlaufzeiten werden durch eine geschickte F+E-Politik gestreckt. Betaferon, das umsatzstärkste Produkt, hat im Juni in Europa die Zulassung für die MS-Behandlung im Frühstadium erhalten. Führend ist Schering in der diagnostischen Bildgebung – die betrifft nicht nur Kontrastmittel, sondern auch Applikationssysteme.
Gemischt sieht das Bild in der Onkologie aus. Mit Fludara und Campath (beide zur Behandlung der chronisch-lymphatischen Leukämie), Bonefos (Knochenmetastasen) oder Androcur (ein Antihormon zur Behandlung von Prostatakrebs) bedient Schering interessante Nischen. Doch der große Hoffnungsträger PTK/ZK (ein Angiogenesehemmer zur Behandlung von Darmkrebs, eventuell auch Lungenkrebs), entwickelt zusammen mit Novartis, enttäuschte in Phase III. Das durchwachsene Ergebnis wurde Ende Juli 2005 bekannt, schlug auf den Schering-Aktienkurs durch und ist „mitverantwortlich“ dafür, dass Schering übernahmereif wurde. Zunächst, im März dieses Jahres, interessierte sich Merck. Die Darmstädter wurden von den Berlinern als „feindlich“ angesehen, während Bayer sodann als „weißer Ritter“ begrüßt wurde. Wie auch immer, nach 155 Jahren geht Schering in einer anderen Firma auf. Unfreiwillig.
Was macht Bayer mit der neu erworbenen Perle? Ein Konzept steht bislang aus. Bayer-Vorstandschef Wenning sprach bei der Bayer-Haupt­ver­samm­lung am 28. April in großen Zügen von drei künftigen Kerngebieten: Onkologie, Kardiologie/Hämatologie, Gynäkologie. Die Zurückhaltung, was die künftige Strategie angeht, war solange einleuchtend, als die Übernahme nicht sicher war. Doch jetzt wird es Zeit, konkret zu werden.
Verunsicherte Mitarbeiter
Die Scheringprodukte passen nur zum Teil in die von Wenning genannten Kerngebiete. Wo etwa ist da Betaferon einzuordnen? Begnügt man sich in der Onkologie mit den eingeführten Schering-Spezialitäten, ergänzt um Nexavar (von Bayer und Onyx) zur Therapie des Nierenzellkarzinoms und vielleicht weiterer Krebsarten? Treibt man die Forschung etwa mit PTK/ZK weiter voran? Was wird aus dem Sektor Diagnostik? Bayer hat seine eigene Diagnostiksparte im Juni für 4,2 Milliarden Euro an Siemens verkauft. Die entsprechende Schering-Sparte sei davon nicht berührt, hieß es. Wie passt das zusammen? Reizt der immer wieder genannte Preis für die Schering-Bildgebung (fünf Milliarden Euro) vielleicht doch zum Verkauf, um die 17 Milliarden Euro teure Übernahme von Schering teilweise zu refinanzieren?
Bei der Gelegenheit könnte auch geklärt werden, wie viele der 60 000 Bayer-Schering-Mitarbeiter gehen müssen. Bisher wird die bei Fusionen immer aus dem Hut gezauberte Faustzahl von zehn Prozent genannt. Die Verunsicherung ist groß und schadet einem Unternehmen, für das die Kreativität der Mitarbeiter lebensnotwendig ist. Man sei ja bereit, das Bayerkreuz auf sich zu nehmen, versicherte eine Mitarbeiterin in Berlin – falls man eine Chance bekomme.
Norbert Jachertz
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