ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2006Krankenhäuser: Klinik der Zukunft hat mehr „arztfreie Zonen“

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Krankenhäuser: Klinik der Zukunft hat mehr „arztfreie Zonen“

Hibbeler, Birgit

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Effizienz sieht anders aus: Arzt beim Wechseln einer Infusionsflasche Foto: Peter Wirtz
Effizienz sieht anders aus: Arzt beim Wechseln einer Infusionsflasche Foto: Peter Wirtz
Durch den Tarifabschluss mit dem Marburger Bund wird die Berufsgruppe der Ärzte für die kommunalen Krankenhäuser und Unikliniken teurer. Um Geld zu sparen, will man die Arbeitsabläufe nun effizienter gestalten.

Warum man sechs Jahre lang Medizin studieren muss, um Viggos zu legen, Untersuchungstermine zu organisieren oder Diagnosen zu verschlüsseln, wird sich wohl jeder Krankenhausarzt schon einmal gefragt haben. In den Klinikverwaltungen jedoch hat sich lange Zeit kaum jemand daran gestört, dass hoch qualifizierte Akademiker viele Stunden am Tag mit vergleichsweise unspektakulären Routinetätigkeiten verbringen. Denn gerade junge Ärzte wurden schlecht bezahlt.
Doch spätestens nach den jüngsten Tarifabschlüssen mit der Klinikärztegewerkschaft Marburger Bund müssen die Universitätskliniken und auch die kommunalen Krankenhäuser umdenken. Denn für die Ärzte ergeben sich zum Teil deutliche Gehaltssteigerungen.
„Warum sollen hoch bezahlte Ärzte Blutdruck messen, Blut abnehmen und Infusionsflaschen wechseln?“, gibt Dr. Jörg Blattmann, kaufmännischer Direktor des Universitätsklinikums Köln, zu bedenken. Als weiteres Beispiel von Tätigkeiten, die auch von nichtärztlichen Mitarbeitern erledigt werden könnten, nennt er die Organisationsarbeit. Die Universitätsklinik Köln habe mittlerweile 28 Case-Manager, meist erfahrene Pflegekräfte. „Das deutsche Modell der Arbeitsteilung zwischen Pflegekräften und Ärzten ist dabei, sich zu verabschieden“, prognostiziert Blattmann. Künftig müssten die Personalressourcen intelligenter eingesetzt werden. Dann wird es nicht mehr heißen: „Ach wenn du sowieso in das Zimmer gehst, dann kannst du doch eben die Infusion anhängen.“ Manche Tätigkeiten, wie etwa die Blutentnahmen, dürften künftig ganz aus dem Arbeitsfeld der Ärztinnen und Ärzte verschwinden. In vielen anderen Ländern ist das übrigens längst Normalität.
Die Idee, Arbeitskräfte effizienter einzusetzen, sei freilich nicht neu, räumt Blattmann ein. Durch die mit dem aktuellen Tarifabschluss ! verbundenen steigenden Kosten für die Ärztegehälter haben sie jedoch offenbar an Fahrt gewonnen.
Auch Dr. med. Andreas Tecklenburg, Vizepräsident der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), ist davon überzeugt, dass die Gehaltssteigerungen für Ärzte zu deutlichen Änderungen in der klinikinternen Organisation führen werden. Viele Aufgaben könnten von anderen Berufsgruppen übernommen werden, meint Tecklenburg. So gebe es an der MHH bereits heute 40 Dokumentations-Assistenten. „Das Krankenhaus der Zukunft hat viele arztfreie Zonen“, prognostiziert auch Dr. med. Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe. Zugleich kritisiert er jedoch, die Krankenhäuser würden durch den Druck und die Vorgaben der Politik in die Insolvenz getrieben.
Dass die Krankenhausverwaltungen nun die Forderungen der Ärzte nach weniger Organisations- und Dokumentationsaufgaben aufgreifen, ist vor dem Hintergrund der Gehaltssteigerungen nicht überraschend. Durch die Tarifabschlüsse mit dem Marburger Bund, aber auch mit der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft Verdi für die Pflegekräfte, rechnet die Kölner Uniklinik mit zusätzlichen Personalkosten in Höhe von 15,3 Millionen Euro, die sich auf die Jahre 2006 bis 2008 verteilen. Diese Mehrausgaben müssen irgendwie geschultert werden.
Ohnehin haben viele Krankenhäuser noch mit den Folgen des Streiks zu kämpfen: Nach eigenen Angaben hat das Kölner Universitätsklinikum durch den Streik einen Einnahmeverlust von rund zwölf Millionen Euro erlitten. Zum jetzigen Zeitpunkt rechnet man für das Jahr 2006 mit einem Minus von etwa 8,5 Millionen Euro. Doch woher nehmen, wenn nicht stehlen? Blattmann sieht hier kaum Chancen, die Kosten durch mehr Erlöse „wegzupuffern“. Es müssten nun noch mehr Bereiche des Klinikums auf den Prüfstand gestellt werden.
Betriebsbedingte Kündigungen soll es in Köln trotz der angespannten Lage nicht geben. Wohl aber sei eine weitere Auslagerung von bestimmten Berufsgruppen geplant. Die Physiotherapeuten an der Kölner Uni sind beispielsweise nicht mehr bei der Klinik, sondern bei
der Tochtergesellschaft medifitreha GmbH angestellt. Ähnliches kann sich Blattmann zunächst mit Logopäden und Ergotherapeuten vorstellen. Viele andere Mitarbeiter, etwa Reinigungskräfte, sind ohnehin bei externen Dienstleistern untergebracht. Stellen im ärztlichen Bereich wolle man nicht streichen. Doch jeder weiß, wie viele Ärzte befristete Verträge haben und wie einfach es ist, diese nicht zu verlängern. Außerdem: Wäre ein Stellenabbau dann nicht die logische Folge einer Neuorganisation? Schließlich will man Kosten sparen.
Für Tecklenburg ist die Antwort simpel: Die Zahl der beschäftigten Ärzte hängt von der zu leistenden Arbeit ab. „Wenn durch die freien Ressourcen der Ärzte die Fallzahl gesteigert werden kann, dann bleibt die Zahl konstant.“ Wenn die Arbeit gleich bleibe, aber von anderen Berufsgruppen übernommen werden könne, dann sinke die Arztzahl, sofern nicht beispielsweise die Reduktion von Überstunden damit kompensiert werde.
Dr. med. Birgit Hibbeler
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