ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2006Von schräg unten: Navigation

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Navigation

Dtsch Arztebl 2006; 103(39): [72]

Böhmeke, Thomas

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Die Sonne strahlt so schön hell wie eine OP-Leuchte, der Himmel blitzt so blau wie die Vena jugularis im Farbdoppler. Höchste Zeit also, in den Urlaub zu fahren, um neue Erfahrungen und Eindrücke jenseits von Medikamentenbudgets und Regressforderungen zu sammeln. Ich habe, fortschrittlich wie ich nun mal bin, mir für die Reise in unbekannte Welten (Holland) ein Navigationsgerät für mein Auto gekauft. Die Bedienungsanleitung umfasst zwar mehr als 300 Seiten, aber als Arzt kann man damit sehr gut umgehen: Je umfangreicher die Vorschriften, desto besser passen sie in den Papierkorb. Mit Urlaubsgefühl im Abdomen gestartet, versuche ich nun, meinen realen Weg auf dem Bildschirm virtuell zu verfolgen. Das Display teilt mir jedoch mit, die Navigation könne nicht gestartet werden, es sei kein GPS-Signal verfügbar. So etwas ist mir geläufig und kann mich daher nicht aus der Ruhe bringen: Diejenigen, die die Richtung angeben sollen, wissen überhaupt nicht Bescheid und sagen bestenfalls gar nichts, sondern lassen einen erst mal arbeiten. 20 Kilometer später teilt mir die freundliche Frauenstimme aus dem Navigationsgerät mit, ich sei auf dem rechten Weg. Dies wiederum erweckt mein Misstrauen, weil ich Ähnliches nur zu gut kenne: Wird uns Ärzten doch von den Politikern beschieden, wir würden schon alles richtig machen; wir sollen trotz Einkommensverlusten einfach weiter arbeiten. 30 Kilometer weiter verlangt das Navi-Girl von mir, rechts zu fahren, obwohl das Display möchte, dass ich links abbiege. Das bringt mich nun gar nicht aus der Fassung: Werde ich doch ständig angehalten, modernste und teuerste Medizin zu gewährleisten, obwohl sie niemand mehr bezahlen will; und unsereins muss alles per Regress ausbaden. 40 Kilometer weiter schweigt die Navi-Tussi, obwohl ich mich durch dichtes Autobahngestrüpp zwänge. Auch das irritiert mich nicht, bin ich es doch gewohnt, meine Patienten durch alle Widrigkeiten zu lotsen, obwohl von den Krankenkassen noch nicht mal eine Kostenzusage zu erhalten ist. Als ich kraft meiner Kartenkenntnisse das Ziel erreicht habe, will das Navi-Luder von mir, dass ich auf der Stelle umkehre, die Einbahnstraße in der kontraindizierten Richtung durchfahre und noch einen Umweg von zehn Kilometern hinter mich bringen soll. Auch das kommt mir sehr bekannt vor: Haben mich doch unzählige DMP-Bögen gelehrt, dass eine erfolgreiche und abgeschlossene medizinische Behandlung trotzdem einen unglaublichen Aufwand an Bürokratie nach sich ziehen kann.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich hoffe, auch Sie hatten in Ihrem Urlaub ähnlich schöne Erlebnisse, die beweisen, dass ärztliches Dasein in Deutschland zu außerordentlicher Lebenstüchtigkeit erzieht.

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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