ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2006Medizin-Nobelpreis würdigt RNA-Interferenz

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Medizin-Nobelpreis würdigt RNA-Interferenz

Zylka-Menhorn, Vera

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LNSLNS Die wahrscheinlich größte biologische Entdeckung der letzten 20 Jahre begann mit einem Rückschlag. Eine US-Biotech-Firma wollte Petunien mit besonders violetten Blüten erzeugen. Doch statt satter Farbenpracht waren die Blüten violett-weiß gescheckt, einige sogar ganz weiß. Was war geschehen? Man hatte aus Versehen das Gen für ein Enzym unterdrückt, das an der Bildung der violetten Farbe in den Blumen beteiligt ist. Was die Wissenschaftler damals zum Verzweifeln brachte, wird nunmehr als „RNA Interferenz“ (kurz RNAi) mit dem Nobelpreis für Medizin geehrt.
Die beiden US-Forscher Andrew Z. Fire (47) und Craig C. Mello (46) entwickelten ein gentechnisches Verfahren, mit dem sich einzelne Gene gezielt stumm schalten lassen. Bei dem Verfahren werden künstlich hergestellte, doppelsträngige Erbgutschnipsel (siRNA) in die Zellen eingeschleust. Sie sind in ihrer Sequenz ein Spiegelbild der Ziel-Gene, die abgeschaltet werden sollen. Sie klammern sich an deren Abbild in der Boten-RNA (mRNA). Dieser Komplex aus siRNA und mRNA wird abgebaut, das Gen wird nicht in Proteine umgesetzt, es wird abgeschaltet. Anhand der Auswirkungen der RNA-Interferenz kann dann abgelesen werden, wofür das ausgeschaltete Gen zuständig ist.
Zur Lieblingswaffe mutiert
Dem deutschen Biochemiker und Molekularbiologen Thomas Tuschl, der zurzeit an der Rockefeller University (New York) arbeitet, gelang es im Jahr 2001 als Erstem, die RNAi in menschlichen Zellen einzusetzen.Inzwischen ist die RNA-Interferenz die Lieblingswaffe der Biologen und Mediziner: Heute wollen Forscher damit Krebsgene ausschalten, Viren in ihrer Fortpflanzung stören (zum Beispiel HIV, Hepatitis- und Marburg-Viren) und Antibiotika-resistenten Bakterien den Garaus machen. Dabei gibt es allerdings noch ein entscheidendes Problem: Wie bringe ich die notwendigen Moleküle an die richtige Stelle? Daher tüfteln Molekularbiologen weltweit an verschiedenen Techniken, die RNA über Antikörper oder andere Hilfsmittel in die Zellen einzuschleusen.
Die feuchte Makula-Degeneration eignet sich in besonderer Weise für die RNAi-Therapie, denn die siRNA können direkt in das Auge gespritzt werden. Da das Sehorgan gut isoliert ist, verbleiben die Moleküle lokal und versickern nicht in andere Gewebe. Eine klinischen Phase-I-Studie läuft bereits. zyl
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